Der Ich-Erzähler, mutmaßlich der Autor, sitzt im Park in London. In seiner Nähe sitzt Paul McCartney; seinetwegen ist er hier. Er will ihn ansprechen, muss sich aber sein Anliegen und seine Worte noch zurechtlegen. Und während er das tut, lässt er sein Leben Revue passieren, oder besser: Teile seiner Kindheit. Eigentlich sind es nur zwei Perioden: sein Leben als Achtjähriger, und das als junger Erwachsener.
Als er acht ist, stirbt seine Mutter. Sein Vater teilt ihm das sehr sachlich auf einer Autofahrt im alten Trabbi mit, und damit beginnt zwischen den beiden eine lebenslange Phase des Schweigens. Sie können nicht gemeinsam trauern. Der Autor aber sucht nach Erklärungen – unter anderem in der Bibel. Die er als Achtjähriger nur schwer versteht, und in der Sonntagsschule bei Ágúst nachvollziehbare Fragen dazu stellen will.
„Sicher möchte ich Ágúst dringend fragen, ob Gott selbst dafür gesorgt hat, dass sein Sohn am Kreuz landete, und ob er auch die Mutter von Jesus hat umbringen lassen, denn mir scheint auf der Hand zu liegen, dass die Jungfrau Maria zwar klasse ist, aber nicht seine echte Mutter sein kann. Es muss aber jeder eine Mutter habenm das steht fest. Man kommt ganz gut ohne Vater aus, auf den kann man verzichten, aber wer keine Mutter hat, ist wie eine Erde ohne Himmel. (…) Dann spielt Líney drei Lieder des Herrn. Doch sobald sie ihre Augen zum Himmel richtet und die Hände hebt, um die ersten Töne anzuschlagen, hebe ich die Hand und frage eifrig: Sag mal, wo war eigentlich die Mutter von Jesus, ich meine seine richtige Mutter und nicht die Stiefmutter? Wie hieß die, und war sie nicht mit Gott verheiratet, als die Welt erschaffen wurde? Hat sie ihm vielleicht dabei geholfen? Warum kommt sie nie vor? Ist sie darüber nicht sehr traurig? Ist sie vielleicht gestorben, und nun sind alle so in Trauer, dass keiner darüber reden kann, nicht einmal Gott und Jesus?“
Das ist so wunderbar respektlos geschrieben, dass es eine wahre Freude ist. Und es wird noch viel skurriler. Denn Gott wanzt sich an seinen Vater ran, gemeinsam trinken sie zu viel Wodka und hören schlechte Musik. Dazu nötigen sie Johnny Cash, Seemanslieder zu singen, bis der Autor ihn eines Tages aus dieser misslichen Lage befreit.
„Dann steckte sich Gott Johnny Cash unter den Arm, nahm einen Lift mit südwärts ziehenden Wolken, befahl Cash, ihm was von Mädels in jedem Hafen vorzusingen, und wie schön es sei, die Alte und die krakeelenden Kinder los zu sein. Da mir Johnny Cash aber leidtat, schickte ich Gott gleich die Seeschwalben hinterher, um ihn zu retten, das heißt, sobald Papa sich umdrehte und zum Haus ging. Gott flog auf den Wolken allerdings so schnell dahin, dass die Seeschwalben ihn erst über England einholten. Ohne Zögern stürzten sie sich auf ihn und hackten ihn so heftig in den Kopf, dass Gott Johnny Cash loslassen musste, um sich zu schützen. Da fiel Cah natürlich der Erde entgegen. Er brüllte vor Schreck los. (…) Ich aber sorgte dafür, dass er weich, wenn auch mit einem mächtigen Spritzer, im Pool von John Lennon landete, an dessen Rand standen die Beatles gerade, lagen sich in den Haaren und schrien sich an.“
Neben Gott und Johnny Cash spielen die Beatles eine weitere Hauptrolle und alles vermengt sich in der Phantasie eines Achtjährigen so gekonnt zusammen, dass man das einfach alles so hinnimmt. Die Bilder fügen sich zusammen und machen unglaublich viel Spaß. Und zwischendrin wird es immer wieder ein bißchen traurig, ein bißchen philosophisch, ein bißchen nachdenklich.
Wenn das isländische Literatur ist, dann lese ich gerne mehr davon – zumindest bleibe ich sehr neugierig, was es da noch so geben könnte!
„Leben ist die erste Tasse Kaffee am Morgen, ist das Aufwachen beim Verkehrsrauschen der Stadt, das Schnurren deiner Katze, die Sonnenstrahlen, die du an den Fensterscheiben brechen hörst. Leben ist Widerspruch, es ist kochen und zu sehen, wie einige deiner Freunde schöner werden als der Mondschein, während andere zu grauem Dunst an einem Mittwoch werden, zu alten Putzlappen, weil die Begeisterung vergessen ist, die befreiende Unbekümmertheit, vergessen ist das Abenteuer des Bluts. (…) Leben heißt, im Halbschlaf zu fühlen, wie die Dunkelheit nach dir schlägt, es ist, sich auf das Morgen zu freuen, Leben ist ein kühles Bier in der heißen Sonne, Leben ist Freundschaft, ist, die Welt größer zu machen, neue Perspektiven zu schaffen, leben ist, sich mit sich selbst zu versöhnen, leben ist, Sehnsucht zu haben, Leben, das bist du, wenn du mich berührst, du, wenn du meinen Namen sagst, wenn irgendjemand meinen Namen sagt, leben heißt, etwas zu verlieren.“


