Es ist ein kalter Winter 1840 als am Ufer der Themse Arthur geboren wird; als die Wehen einsetzen ist seine Mutter gerade im Schlick des Flusses auf der Suche nach Schwemmgut, das sich zu Geld oder Essen tauschen lässt. Arthur, König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere, hat das seltene und zweifelhafte Talent, sich alles merken zu können. Fluch und Segen zugleich. Doch dadurch gelingt ihm der Weg aus der Armut. Weil sein Gedächtnis und sein Wissensdurst die Leiter einer Druckerei beeindrucken, kann er dort eine Ausbildung beginnen und liest fortan alles, was ihm zwischen die Finger kommt. Und stößt dabei auf ein Buch über Ninive, die alte Stadt in Mesopotamien, von der es zahlreiche Ausgrabungen gibt – die auch im British Museum in London landen. Wie die Lamassus, „ein kolossales Ungeheuer aus Stein, ein Wesen wie von einer anderen Welt. Aufsehenerregend, atemberaubend, Furcht einflößend. Es hat einen menschlichen Kopf, den Körper eines Stiers und die Flügel eines mächtigen Vogels…“. Doch es dauert, bis Arthur sie im British Museum besichtigen kann.
„Jeder, so befürchtet er, spürt, dass er in diese hehre Institution nicht hineingehört. In diesem Moment wird ihm bewusst, dass Armut einen eigenen Geruch hat, eine Ausdünstung, die seinen Poren entströmt und sofort erkannt wird. Ein schrecklicher, schwächender Gedanke. Arthur atmet scharf ein, dreht sich um und eilt in die Richtung, in der er den Ausgang vermutet. Der Mann ruft, vielleicht aus Mitgefühl, etwas hinter ihm her, aber der Junge läuft weiter. Arthur weiß inzwischen, dass die Grenzen zwischen Klassen in Wirklichkeit die Grenzen auf einer Landkarte sind. Wenn man in einer reichen und privilegierten Familie zur Welt kommt, erbt man einen Plan, auf dem der weitere Weg vorgezeichnet ist, der Abkürzungen und Nebenwege enthält, und der die üppig grünen Täler, in denen man rasten kann, ebenso nennt wie die schwierigen Stellen, die man besser umgeht. Wer die Welt ohne eine solche Karte betritt, dem fehlt es an guter Orientierung. Der kommt viel leichter von seinem Weg ab, weil er auf vermeintliche Haine und Gärten zugeht, um schließlich festzustellen, dass er in Sumpf und Moor gelandet ist.“
Das ist der eine Erzählstrang: der kluge, introvertierte Arthur, der sich eines Tages auf den weiten Weg nach Ninive macht, auf der Suche nach einer fehlenden Tontafel, auf der ein Vers des Gilgamesch-Epos steht.
„Warum ist er so darauf versessen, antike Tontafeln auszugraben, die seit Tausenden von Jahren zerbrochen in der Erde liegen? Kaum ist die Frage gestellt, führt sie zu weiteren Fragen, so wie ein Karpfen, der aus dem Wasser springt, kreisrunde Wellen zurücklässt. Manchmal fragt er sich, ob es ihn wie einen Hypnotisierten zum Tigris zieht oder ob er nur vor der Themse davonläuft.“
Der zweite Erzählstrang handelt von Zaleekhah. Sie hat sich gerade – es ist das Jahr 2018 – von ihrem Mann getrennt und ist auf ein Hausboot gezogen. Beides ihrem Onkel Malek zu vermitteln ist nicht einfach – bei ihm und ihrer Tante ist sie aufgewachsen, nachdem ihre Eltern bei einer Sturmflut ums Leben kamen. Onkel Malek, Sohn einer arrivierten levantischen Familie aus dem Nahen Osten, hat sich um sie gekümmert, als wäre sie seine eigene Tochter, trotzdem fühlt sie sich in der wohlhabenden Umgebung, in der sie aufgewachsen ist, umgeben von seiner Sammlung antiker und wertvoller Kunst, nie heimisch. Dass sie Hydrologin geworden ist und sich ganz und gar der Wissenschaft des Wassers verschrieben hat, hat er akzeptiert, aber nie geschätzt.
„‚Was liest Du da?‘ ‚Ach das …‘ Die Miene ihres Onkels wird schlagartig hart. ‚Nur eine Recherche für eine Auktion, bei der ich möglicherweise bieten werde. Es ist etwas Außergewöhnliches aufgetaucht – etwas aus Ninive.‘ ‚Du hast noch nie etwas aus dem Irak gekauft.‘ ‚Es handelt sich wirklich um etwas Besonderes. Eine Tafel aus der Bibliothek des Assurbanipal, mehrere Tausend Jahre alt.‘ Er hebt den Kopf und blickt aus dem Fenster. ‚Sie ist blau. Aus Lapislazuli. Hat eine fantastische Zeitreise hinter sich.'“
Narin ist 14 Jahre alt und sie wird taub werden. Sie lebt bei ihrer Großmutter Besma, einer Heilerin und Quellensucherin. „Deshalb möchte Narin allen Geschichten der alten Frau lauschen, ehe sie ihr Gehör verliert. Sie will sie auch dann noch hören können, wenn alles andere stumm ist.“ Und ihre Großmutter möchte Narin zur Taufe ins heilige Lalisch-Tal bringen, in den Irak. In ihrem türkischen Heimatdorf gehören Sie ohnehin zu den letzten Verbliebenen; es wird in naher Zukunft vom Wasser des Staudamms überflutet werden. Doch ihr Ziel ist hochgefährlich – es ist das Jahr 2014, und im Nordirak ist gerade eine terroristische Terrorgruppe auf dem Vormarsch: der Islamische Staat. Und deren Kämpfer machen gezielt Jagd auf Jesiden.
„Durch die Brust der Großmutter geht ein Zittern und breitet sich in die Finger aus. Ja, eindeutig. Sie spürt es. Sie muss umkehren und den anderen sagen, das sie Wasser gefunden hat. In dem Moment, in dem sich die alte Frau ausmalt, wie sie die Nachricht verkündet, stockt ihr der Atem, und ihr Inneres zieht sich zusammen, denn sie hat einen Laut gehört, der nicht hierherpasst. Ein leises höhnisches Kichern. Sie dreht den Kopf zur Seite. Nicht weiter von ihr entfernt, als ihr Schatten lang ist, blickt sie einen IS-Kämpfer mit vorgehaltener Waffe an. (…) ‚Hey, schaut mal, was ich gefunden habe!‘, ruft ein anderer Mann hinter einem schütteren Strauch hervor. Besma versteht nicht, was sich die vom Wind zerrissenen Stimmen gegenseitig zuschreien. Doch dann hört sie inmitten des Lärms eine geliebte Stimme, und sie erstarrt. ‚Großmutter!‘ Narin mag es nicht, wenn ihre Großmutter sie allein lässt, und ist ihr gefolgt.“
Elif Shafak verknüpft die Handlungsstränge ihrer drei Protagonisten auf zwei Grundlagen: der Bewegung des Wassers – konkreter: dem Kreislauf eines Wassertropfens – und einer kleinen blauen Tontafel mit einem Vers aus dem Gilgamesch-Epos. In zwei Gegenwarten nimmt sie uns mit und erzählt dabei einerseits die Geschichte eines realen Mannes, George Smith, der das Vers-Epos aus vorchristlicher Zeit übersetzte und so als Wiederentdecker gilt, und andererseits bringt sie uns die Ethnie der Jesiden/ Eziden näher, die seit jeher ausgegrenzt und verfolgt wird.
„In dieser Nacht kann Arthur nicht schlafen. Er stellt sich immer wieder dieselbe Frage. So viele Kulturen und Religionen sind in dieser Region erblüht, zur vollen Entfaltung gekommen und untergegangen. Doch alle müssen an dem Glauben festgehalten haben, dass die Zukunft, ihre Zukunft, besser sein würde als die Vergangenheit, dass die Sonnenstrahlen morgen heller und die Schatten schwächer sein würden. Die Jezidi haben eine lange Tradition des Wahrsagens. Wie übersteht ein Volk das quälende Wissen, dass nicht nur seine Geschichte mit Unterdrückung, Verfolgung und Massakern angefüllt ist, sondern auch seine Zukunft all das bereithält?“
„Am Himmel die Flüsse“ nimmt im Verlauf der gut 600 Seiten richtig an Fahrt auf. Selten habe ich ein Buch gelesen, das zunächst sehr gemächlich „dahinschwappt“ (um im Bild des Wassers zu bleiben) – Geschichten, die die Großmutter ihrer Enkelin erzählt, Arthur, der seine Leidenschaft für Mesopotamien entdeckt – und das gegen Ende zunehmend beklemmend wird. Die letzten 180 Seiten konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen – es wurde eine Lesenacht. Ein besonderes Buch, sehr zu empfehlen!!


