Wer möchte nicht im Leben bleiben

Helene Bukowski

Seiten: 376
Verlag: claassen
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN-Nummer: 978-3-546-10158-5

Jede in meinem Lesekreis 1 sucht sich ein Buch aus von der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Meine Wahl fiel auf Helene Bukowski, die sich auf die Fährte einer Pianistin begeben hat, die in jungen Jahren Suizid beging. Der Lesende kennt das Ende schon am Anfang. Und doch war "Wer möchte nicht im Leben bleiben" nach einer gewissen Eingewöhnungszeit ein außergewöhnliches Lese-Erlebnis!

Christina wird das Klavierspiel zwar nicht in die Wiege gelegt, aber beinahe. Sie ist noch ein Kleinkind, als sie ihre ersten Töne aus diesem Möbelstück in der elterlichen Wohnung produziert. Es wird bis zu ihrem Tod gut zwanzig Jahre später das wichtigste in ihrem Leben bleiben.

„Ich sehe deinen Vater, wie er dich auf seinen Schoß hebt. Du kannst jetzt nach Dingen greifen, streckst die Hände aus, berührst die weißen Tasten, ihre glatte Oberfläche, beugst dich vor, damit du auch die schwarzen erreichst. Du drückst, und Töne stehen im Raum. Ziehst du die Hände zurück, sind sie plötzlich verschwunden. Lässt du die Hände liegen, werden sie langsam leiser, bis sie ganz verklungen sind. Du bekommst nicht genug davon, willst nicht mehr vom Schoß deines Vaters, streckst jedes Mal die Arme nach ihm aus, wenn er sich wieder ans Klavier setzt.“

Helene Bukowski gelangt per Zufall an den Nachlass der Pianistin Christina, ihre Briefe, ihre Fotoalben, die Chronik des Vaters. Ein Leben, das erzählt werden sollte, wird ihr gesagt, und so folgt Bukowski Christina, rekonstruiert die Kindheit in Neubrandenburg, das Heranwachsen in der DDR, die frühe Möglichkeit, nach Berlin in ein Musikinternat zu kommen und schließlich das Stipendium für die Ausbildung zur Konzertpianistin in Moskau. Christina ist gut, sehr gut. Doch von klein an bestimmen das Klavier – und ihr Vater – ihr Leben.

„Er zieht dich die ganze Strecke bis zum Rodelberg. Dort kreischen schon die anderen Kinder. (…) Überall die Schlittenspuren. Grün ist das Gras an diesen Stellen, als wäre schon Frühling. Die freigelegte Schicht unter dem Schnee, wie ein erstes Versprechen. Du und ich starren lange dorthin, im Kopf den Geruch von blühenden Schlehensträuchern. (…) `Pass auf deine Hände auf´, hörst du deinen Vater rufen. Du wirst schneller und schneller, aber kannst nur noch an deine Hände denken. Gläsern kommen sie die vor. Du bist dir sicher, wenn du unten ankommst, werden sie zerspringen. Und dann kommst du unten an, und der Schwung trägt dich noch ein Stück, bevor der Schlitten endgültig zum Stehen kommt. (…) Dir sei kalt, du willst nach Hause, sagst du, schiebst deine gläsernen Hände in den Mantel, versuchst nicht zu oft zum Hang zu schauen, wo sich die anderen Kinder mit ihren Müttern und Vätern unermüdlich hinabstürzen, lachen, ausgelassen sind. (…) Stumm klammerst du dich am Holz fest, beißt dir auf die Lippen.“

Erst in Moskau taut Christina allmählich auf, legt ihre Schüchternheit ab, wird erwachsen. Doch dem Drill entgeht sie hier erst recht nicht. Nach der Aufsicht des Vaters und dem Drill ihrer Klavierlehrerin am Internet, gilt es auch in Moskau zu performen. Und in den Ferien:

„Kein Ferientag ohne Üben. Dein Vater anstelle von Frau Feldberg. Von unten hämmert der Nachbar an die Decke. Auch ohne deinen Vater würdest du dich jeden Tag ans Klavier setzen. Du hast die Strenge und Disziplin längst verinnerlicht. (…) Schon in der ersten Ferienwoche das erste Hauskonzert. (…) Dein Vater gibt dir ein Zeichen. Ohne dich noch einmal umzudrehen, rennst du in einen abgelegenen Mischwald. Du greifst nach den Händen der Anwesenden, ziehst sie in den Schatten zwischen Bäumen. Eure Schritte federn auf dem Moos, versinken in Farnen, kreiselnd treibt ihr in die Tiefe, wuchert in Mulden, perlt von hochstehenden Halmen. Zwischen den Wurzeln sammelt sich der Applaus. Laut knistert unter den Füßen des Publikums und in ihren Haaren Laub. Es müssen diese Momente gewesen sein, in denen du dich erkannt gefühlt hast, verbunden mit der Welt, verbunden mit den Menschen.“

Diese Du-Ansprache ist gewöhnungsbedürftig. Helene Bukowski erzählt in Ich-Form, erzählt, wie sie ringt mit Christina, mit dem, was sie nicht herausfinden kann über die junge Frau, mit den Parallelen, die sich zu ihrem eigenen Leben auftun oder die sie zieht. Da, wo die Informationen aus persönlichen Gesprächen, den Briefen und den Aufzeichnungen der Eltern nicht ausreichen, nähert Bukowski sich behutsam an. Verwirft, skizziert neu, zeigt Möglichkeiten, die sie – oder Christina – wieder in Frage stellt. Es ist faszinierend, sich auf diese Weise der jungen Frau, diesem außerordentlichen Talent, anzunähern.

Deshalb fällt das Weiterlesen nicht schwer, hat man sich erstmal mit der Erzählstimme arrangiert. Obwohl das Ende bekannt ist, will man Christina kennenlernen, mit ihr leiden und fiebern – im wahrsten Sinne des Wortes, Christina ist krankheitsanfällig. Und wohl betroffen von einer hormonellen Störung, die zu dieser Zeit, in den späten 19070er Jahren, so nicht bekannt war bzw. nicht diagnostiziert wurde: PMDS.

Ich denke noch über die Erzählweise des Buchs nach. Ein Leben zu recherchieren, dies dann so nachzuerzählen: Ist mir das zu simpel? Ist es naheliegend? Beides, ja. Und doch kannte ich bislang kein Buch, das so geschrieben ist. Das Schicksal Christinas – das erzwungene und das selbstgewählte – gehen mir nahe. Das ist mehr, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann. Also funktioniert die Erzählweise. Dieses Mal. Ein zweites Mal wäre es abgedroschen, der Clou dabei wäre verloren. Und genau deswegen, weil es hier funktioniert, und weil Helene Bukowski Persönliches in die Geschichte Christinas verwebt, könnte „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ durchaus auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises landen. Ich bin gespannt!


Ausgewählte Bücher:

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