Lázár

Nelio Biedermann

Seiten: 331
Verlag: Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN-Nummer: 978-3-7371-0226-1

Dieses Buch hätte ich ohne Lesekreis nicht gelesen. Nicht, weil ich nicht darauf aufmerksam geworden wäre, sondern weil ich Vorbehalte hatte. Im Podcast Eat.Read.Sleep hatte eine Hörerin eine kopierte Textstelle offenbart. Pastiche nennt sich das, Nachahmung. Wird sowas nicht vom Autor selbst transparent gemacht, ist mir das seeehr unsympathisch. Nun hab ich "Lázár" doch gelesen - und ärgere mich fast ein bisschen, dass es mir gefällt.

Nelio Biedermann ist ein 22-jähriger junger Mann aus der Schweiz, der mit seinem Debutroman gleich einen Hit gelandet hat. Im Interview mit dem Podcast, kurz nachdem er auf der Buchmesse mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet wurde, zeigt er sich bescheiden. Er räumt ein, was man beim Lesen schon vermutet: Er hat Teile seiner Familiengeschichte in Lázár verarbeitet.

Die Familie Lázár, ungarischer Adel, lebt bei Budapest in einem Waldschloss. Die Erzählung beginnt mit der Geburt von Lajos, der mit durchsichtiger Haut zur Welt kommt – was vielleicht etwas über seine Sensibilität aussagen soll, aber später keine Rolle mehr spielt.
Er wird die Geschäfte der Familie übernehmen, sich verlieben, heiraten, fremdgehen, die beiden Kinder Pista und Eva bekommen. Seine Ehe bleibt wohlbehalten, auch nach Jahren noch.

Die Kinder wachsen heran, auch die Perspektive des jungen Pista rückt zunehmend in den Fokus. Er spricht mit Schatten, ist seinen Eltern unheimlich. Doch auch das spielt später keine Rolle mehr. Unsauberkeiten, die mich jetzt, rückblickend, durchaus stören…

Worum es in der ersten Hälfte des Buchs geht, kann ich kaum noch erinnern – dabei habe ich es erst vor drei Tagen zu Ende gelesen. Es ist die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein Krieg ist vorbei, der nächste wirft seine Schatten. Der Adel ist involviert, aber nicht selbst betroffen. Lajos wird Deportationen organisieren, ohne die Tragweite dessen an sich heran zu lassen.
 

„Zuvorderst ging ein Mann mittleren Alters, der einen eleganten Hut, ein braunes Sakko und einen kleinen Pappkoffer trug. Über seinen anderen Arm lag ein schwerer Mantel. An diesem musste auch der gelbe Stern sein, denn an seinem Sakko prangte keiner. Lajos blickte dem Mann eindringlich ins Gesicht und hoffte, er würde aufschauen und in seinen Augen sehen, dass er nicht wie die anderen war, dass er sie nicht verachtete und das alle nie gewollt hatte. Doch der Mann ging mit gesenktem Blick an ihm vorbei.“

Etwa ab der Hälfte nimmt das Buch so richtig an Fahrt auf. Denn für die Familie folgenschwerer als der Nationalsozialismus ist jene nach Kriegsende. Die Russen kommen, auch in das Waldschloss.
 

„Er war neunzehn Jahre alt und saß im Pyjama vor Soldaten, die Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt waren, Menschen getötet und Kameraden verloren hatten. Er saß da als Fliehender, als jemand, der noch nicht einmal einen Hasen erlegt hatte. In Deutschland, hatte er gehört, lernte schon der 30er-Jahrgang die Handhabung der Panzerfaust. Die waren fünf Jahre jünger als er, nur zwei Jahre älter als Eva. Und er saß hier und wagte es nicht einmal, sich zu bewegen.“

Das Blatt wendet sich für die Familie, zum Negativen. Sie erfährt die Schattenseiten des Lebens am eigenen Leib. Wie immer lesen sich die Repressionen auch hier beklemmend. Und ich bin angesichts des Alters des Autors überrascht, dass er das so gut transportieren kann. Seine Sprache mag ich. Aber wie im Podcast (ab TimeCode 23:24) diskutiert wird, macht sich der Autor unglaubwüridg durch seine Intransparenz. Anderthalb Seiten hat er quasi aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ übernommen. Was nicht verboten ist, Proust ist seit mehr als 70 Jahren tot und unterliegt damit keinem Urheberrecht mehr. Aber es ist unnötig. Nelio Biedermann hätte das nicht nötig gehabt. Lesenswert, aber mit Beigeschmack – der einen halben Stern Abzug kostet.
 

„Manchmal kam es Pista vor, als müsse man sich für alles, was äußerlich nicht sichtbar ist, schämen: für seine Ängste, seine Verdauung, seine Gedanken, seine Geschlechtsteile und seine Gefühle. Selbst für die Liebe musste man sich schämen – vor allem als Mann. Er konnte nicht einfach zu seinem Vater gehen und ihm einen Kuss geben, geschweige denn, ihn um einen bitten. ´Weißt Du, wie oft mich mein Vater in den Arm genommen hat? – Nie! Kein einziges Mal!`, hätte dieser gesagt und ihn davongescheucht.“

Ausgewählte Bücher:

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Gilgamesch


Stephen Mitchell (Hrsg.)
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Am Himmel die Flüsse


Elif Shafak