Cy Baxter ist Social Media Mogul, Milliardär und anders als die Chefs anderer Tech-Konzerne einigermaßen beliebt. Cy Baxter braucht einen ganz bestimmten Auftrag. Stimmt die Regierung dem Projekt „Fusion“ zu, bekommt er nicht nur Milliarden dafür, sondern unbegrenzten Zugriff auf die Daten aller Bürger des Landes. Unter dem Deckmantel der inneren Sicherheit.
„‚Zum ersten Mal bringen wir die gebündelten Ressourcen von Polizei-, Militär- und Sicherheitskräften – NSA, CIA, FBI und dem militärischen Geheimdienst – mit denen der Hacker und der sozialen Netzwerke zusammen. Koordiniert von den brillianten Köpfen meiner Leute von WorldShare. (…) Gemeinsam werden wir mithilfe allerneuester Technologien eine 360-Grad-Datenbank aufbauen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. (…) Wir machen das Leben für die bösen Buben ein gutes Stück schwerer und für die netten Jungs ein gutes Stück leichter, und wir tun das mit dem Besten, was wir an Technik zur Verfügung haben.'“
Um aber den Auftrag zu bekommen, muss sein Unternehmen einen Beta-Test bestehen, „Mission Fusion“. Zehn Kandidatinnen und Kandidaten bekommen zwei Stunden Vorsprung, um unterzutauchen. Danach müssen die Beschäftigten von WorldShare die „Zeros“ binnen 31 Tagen finden – und dürfen sich für die Suche aller nur erdenklichen Mittel bedienen. Unter den Zeros ist auch eine junge Frau. Sie ist nicht scharf auf die drei Millionen Dollar, die bekommt, wer nicht gefunden wird. Sie verfolgt eine eigene Mission.
„Auch darüber, wie Leute an ihrem Gang erkannt werden, hat sie sich schlaugemacht. Sie weiß, dass es nicht genügt, einfach nur anders zu gehen, als sie sonst geht, es muss ein glaubwürdiger Gang sein, sonst reagieren die Computer sofort. Nicht einfach irgendwie gehen, sondern konsequent so gehen wie eine andere, eine neue Persönlichkeit schaffen mit einem eigenen Gang, einer unverwechselbaren Haltung, die sie einnehmen kann – das ist es, was sie jetzt versucht, und es erfordert all ihre Konzentration. In dieser ersten Stunde darf nicht irgendwo bei einem Computer ein Alarmglöckchen klingeln, das auf einer Bostoner Straße eine auffällige Frau meldet, die geht wie drei verschiedene Personen (…).“
Wir begleiten Zero 10 auf ihrer Flucht, wundern uns – so wie Cy Baxter – wieso sie am Automaten Geld abhebt und dabei ihr Gesicht zeigt, hoffen, dass sie ihre Verfolger durch eine lange Busfahrt abschütteln kann und begleiten den Mogul dabei, wie er nach und nach sein wahres Gesicht offenbart.
„‚Sie sind übrigens auf dem Holzweg. Mit dem, was Sie über Privatsphäre gesagt haben. Die Menschen wollen keine Privatsphäre mehr. Privatsphäre ist passé. Die Privatsphäre ist ein Gefängnis. Die Menschen können es gar nicht abwarten, sie loszuwerden, wenn Sie es genau wissen wollen. Fakt ist, die Menschen sind so unglaublich einsam – damit kennen Sie sich ja ein klein wenig aus -, dass sie ihre Privatsphäre mit Handkuss aufgeben, bei der erstbesten Gelegenheit. Und wissen Sie auch, warum? Ich sage es Ihnen. Weil sie nämlich danach lechzen, bekannt zu sein, nicht unbekannt … danach, transparent zu sein, beobachtet zu werden … so als ob sie wichtig seien, als Beleg dafür, dass sie jemand sind … ihre Geheimnisse für jedermann einsehbar, ihre Sünden offengelegt, ja lauthals hinausposaunt. Nichts bleibt verborgen. Sie wollen es so. Und wieso? Soll ich Ihnen sagen, wieso Ms. Day? Weil beobachtet zu werden … das fühlt sich ein klein wenig so an, wie geliebt zu werden.'“
Ich mochte die Grundidee dieses Buchs: Die Idee, was geschieht, wenn die Macht und das Datenvolumen der Sozialen Netzwerke und die Befugnisse des Staates eine unheilige Allianz eingehen. Eine sehr moderne, in der nahen Gegenwart spielende Dystopie. Die Ideen, die die Kandidatinnen und Kandidaten haben, um die Technik auszutricksen, wie sie doch alle gefunden werden – alle, bis auf Zero 10: Das liest sich sehr flüssig runter und ist unterhaltsam.
Je mehr wir aber von den Motiven von Zero 10 erfahren und je mehr Cy Baxter in die Predouille gerät, weil sie nicht zu finden ist, desto mehr gerät auch die Handlung aus dem Ruder. Das ist schade, weil das Subtile der Geschichte durchbrochen wird von einer nun recht platten und erwartbaren Handlung, die nicht zum bisherigen Plot passen will. Bis dahin hätte „Going Zero“ vier Sterne bekommen; das Ende aber ist mir zu sehr Holzhammer. Schade!


