„Von Norden rollt ein Donner“. Auf dem Titel SCHAFE in der Lüneburger Heide. Was da fehlt ist der Wolf. Um ihn geht es, er ist der Protagonist. Obwohl er kein einziges Mal wirklich vorkommt. Es ist die Angst, die umgeht.
Jannes ist 19 Jahre alt und soll die Schäferei seiner Eltern übernehmen. Seit sein Vater immer tüddeliger wird – er soll zum Neurologen, geht aber nicht hin – ist Jannes fast täglich mit den Tieren unterwegs.
„Wenn das nicht weggeht, denkt er wenn es schlimmer wird, wenn es wird wie bei Oma, wie soll dann alles werden? Wer kümmert sich dann? Wenn es nur die Tiere und der Hof wären. Aber der ganze elende Papierkram, die Gelder, Förderanträge, Subventionen, Schulden und Steuern. Er ist sich sicher, dass seine Mutter schon jetzt alles mindestens einmal heimlich nachprüft und nachrechnet, was sein Vater aufzeichnet und einreicht, seit es vor ein paar Monaten mehrere unangenehme Anrufe vom Finanzamt und der Landwirtschaftskammer gab. Und Opa ist alt, denkt Jannes, der redet viel, aber weiß in Wirklichkeit nichts mehr von dem, was heute geleistet werden muss. (…) Bleiben seine Mutter und er, ein ganzer Hof, eine Herde die riesig ist und doch winzig, die Schulden, und sie beide haben nichts gelernt als das, was sie machen.“
Allein ist er unterwegs mit der Herde in der Heide. Jannes mag das, wenngleich er durch das viele Alleinsein für seine Freunde seltsam wird. Es stört ihn nicht, seine Gedanken kreisen ohnehin um andere Themen als jene, über die seine Freunde reden. Das eine ist der Wolf. Er wurde gesichtet in der Heide.
„Irgdendwann schaut Jannes morgens zu wie Friedrich die Artikel, Termine und Postkarten von der großen Pinnwand in der Küche abhängt und stattdessen eine aufgefaltete DIN-A2-Wanderkarte der Region Südheide darauf befestigt. Sichtungen markiert er mit roten Pins, für die Risse nimmt er Schwarz, für Kadaverfunde Grün und auf kleinen, schmalen Post-its notiert er das jeweilige Datum. (…) Sosehr er sich dagegen wehrt, die Karte setzt auch Jannes zu. Jeden Morgen in der Küche gilt sein Blick als Erstes ihr. Wenn sie eine Gruppe Mutterschafe auf den Pferch bringen, lässt auch Jannes sie bald in Erwartung der großen Katastrophe zurück. Er ist sicher, dass die Schnucken ihm nachschauen und dass da eine Anklage in ihren Blicken ist.“
Die Menschen in der Gegend fühlen sich von der Politik alleingelassen, denn niemand will den Wolf hier. Jannes‘ Vater Friedrich ist deshalb dankbar, als er in dem zugezogenen Nachbarn anscheinend einen Mitstreiter findet; über dessen altmodische – oder sind es völkische? – Ansichten sieht er – ganz untypisch für ihn – hinweg.
Das andere Thema, um das Jannes‘ Gedanken kreisen, sind die Aussetzer, die er selbst seit einiger Zeit hat.
„Vor ihm ist der Eingang des Schuppens, ein Rechteck aus Schwärze. Er riecht kühlen Moder, kalten Steingeruch. Da ist nur noch der Wind, die Lämmer und die Hunde sind verstummt. Ein Schauer rauscht sein Rückgrat hoch, fährt durch alle Glieder. Er schaut sich Hilfe suchend um. Natürlich ist er allein. (…) Hereinfallendes Tageslicht legt einen Streifen über den Schuppenboden. Jannes sieht trockene Erde und hineingewehte Grasrispen, und dann sieht er Zehen, die in den Staub treten. Es wird nun alles so geschehen, wie er es sich ausgemalt hat, denkt er noch, da zieht sich die Welt schon zusammen, sackt unter ihm weg. Er fühlt sich fallen, kann sich nicht bewegen, die Lähmung seiner Träume befällt seine Muskeln. Nein, denkt er, bitte nicht.“
Was hat es mit den Visionen auf sich? Jannes fängt an, sich für die Vergangenheit der Heide zu interessieren. Gab es hier während des Krieges – und auch noch danach? – ein Arbeitslager? Ganz nah ist schließlich der Truppenübungsplatz – von dort rollt regelmäßig der Donner über die Heide. Bergen-Belsen ist in der Nähe und auch das ehemalige KZ-Außenlager Tannenberg – und Rheinmetall ist auch nicht weit. Und was hat es mit den Geschichten seines Großvaters auf sich, als er vor Jahrzehnten angeblich auf den letzten Wolf der Heide schoss?
„Von Norden rollt ein Donner“ ist ein atmosphärisch sehr dichtes Buch. Markus Thielemann schildert die Menschen nüchtern, ihre Probleme, ihre Ängste. Das Leben als Landwirt, als Schäfer, mit allen Beschwerlichkeiten wird deutlich. Nur die Landschaft und die Tiere spenden Trost, während in Jannes‘ Familie geschwiegen wird.
Das ist nicht ganz leicht zu lesen – und damit meine ich nicht die Sprache oder den Erzählrhythmus. Thielemann vermittelt das Leben so realistisch – die Sorgen, das Schweigen, die Gewohnheiten, die gesellschaftlichen Reflexe – dass ich beim Lesen Beklemmungen hatte.
Es ist kein „schönes“ Buch, keines, das einen mit einem guten Gefühl zurücklässt. Von Anti-Heimat-Roman ist oft die Rede, den Thielemann hier geschrieben habe. Das trifft es.
Trotzdem fünf Sterne? Ja. Weil ich schon beim Schreiben dieser Zeilen wieder Beklemmungen bekomme, weil es schlüssig geschildert ist, ohne alles plakativ auszurollen. Im Gegenteil: Vieles bleibt im Vagen, wie in Jannes‘ Familie bleiben auch im Buch Fragen offen. Hätte ich „Von Norden rollt ein Donner“ schon letztes Jahr gelesen – ich hätte die Lüneburger Heide bei meinem Besuch dort anders wahrgenommen.


