Mattis fühlt sich seiner Umgebung, der Natur und den Tieren eng verbunden. Dabei ist er selbst kaum von dieser Welt. Zumindest entspricht er nicht dem, was „normale“ Menschen im Leben leisten sollen und können. Er braucht für alles ein wenig länger, driftet mit den Gedanken ab, gibt sich Träumen hin und Gedanken. Und manchmal auch Sorgen. Mattis lebt mit seiner Schwester abgeschieden in einem Haus am See. Zum Lebensunterhalt trägt er nicht viel bei; seine Schwester verdient etwas Geld mit Strickereien. Wenn Mattis mal auf dem Feld mithelfen soll, ist er auf den guten Willen des Landwirts angewiesen, der letztendlich seine Arbeit mitmachen muss, aber einen zusätzlichen Esser am Tisch hat.
„Wieder arbeiteten sich die drei rasch an Mattis vorbei. Er schaute ihnen nach und fand, sie besaßen genau das, wovon er träumte: die drei Dinge. Diese Leute bestanden aus nichts anderem als genau diesen drei Dingen. Sie genossen es, dass sie so waren, und dachten nicht weiter darüber nach, wussten nichts davon, so sah es aus. Wie konnten die nur so tun, als ob nichts wäre, und einen Rübenacker ausdünnen?
Er jätete, vornübergebeugt, seine Gedanken fuhren wild umher. Helft mir, dachte er. Aber die Gedanken schossen kreuz und quer wie zuvor, wollte er ein Unkraut packen, griff er eine Rübe. Will mir also niemand helfen, dachte er, und es wurde ihm schwarz und rot vor Augen. (…)
`Mattis!´ Das war der Mann selbst, Klugheit. Die beiden anderen – Schönheit und Kraft – schwiegen, waren aber sicher auch dort. Alle drei Dinge waren dort. `Gibt es Essen?´, rief Mattis zurück, blitzschnell.“
Alles ändert sich, als über den Berg ein junger Mann kommt, Jörgen. Er ist Waldarbeiter und sucht eine Unterkunft – die er bei Hege und Mattis findet. Dabei war doch alles so verheißungsvoll, seit Mattis den Flug der Waldschnepfe über ihrem Haus entdeckt hatte, den Schnepfenstrich.
„Am nächsten Morgen dachte er aus vollem Herzen: Heute wieder. Die Schnepfe und ich. Wie, das konnte er nicht erklären. Er brauchte auch gar keine Erklärung. Streifen führten durch die Luft über dem Haus – noch von der Schnepfe, die während seines Schlafs hier entlanggeflogen war, heute Nacht und von nun an alle Nächte. Beinahe fühlte zu schlafen sich an wie eine Sünde.
Je mehr Mattis an die Schnepfe dachte, desto sicherer war er, dass etwas Gutes bevorstand. Etwas, das anders war. Darum zog die Schnepfe hier jeden Morgen und jeden Abend drüber, aber immer nur dann, wenn die Leute in ihren Häusern steckten. Ein guter Gedanke war das, fand er. Er konnte draußen sitzen und wachen, so oft er wollte, den Flug durch die Luft verfolgen. Die Schnepfe und er. Jetzt brach ein neuer Tag mit ihr an.“
Als Jörgen einzieht, blüht Hege auf. Ihr Leben bekommt plötzlich einen Sinn, sie strahlt eine Freude aus, die Mattis nicht kannte. Je mehr Hege leuchtet, desto größer wird seine Sorge: Was soll nur aus ihm werden?
Auch „Die Vögel“ wird nicht mein letztes Buch von Tarjei Vesaas bleiben. Seine Bücher haben zwar keinen ausgefeilten Spannungsbogen, aber die Erzählungen sind so bildhaft, so sensibel, so einfühlsam geschrieben, wie ich es selten lese. Dass sich ein Autor so in die Welten heranwachsender Mädchen – wie in „Das Eis-Schloss“ – und eines geistig beeinträchtigten jungen Mannes hineinversetzen kann, hat uns schon im Lesekreis begeistert. Außergewöhnlich – das gilt auch für dieses Werk.


