My Friends

Fredrik Backman

Seiten: 434
Verlag: Simon & Schuster
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN-Nummer: 978-1-3985-1643-4

Ich bin großer Fredrik Backman-Fan. Da musste ich natürlich zugreifen, als mir beim Bummel durch den Buchladen sein neuestes Werk in die Hände fiel. Die Erwartung war groß - und konnte deshalb vielleicht nur enttäuscht werden.

Es geht in diesem Buch um Kunst und um Freundschaft. Im Mittelpunkt steht ein Gemälde. „The One of the Sea“ heißt es, und wer nicht genau hinschaut, entdeckt nicht die drei Jugendlichen auf dem Pier, sie sind ganz klein zu sehen – dabei dreht sich das Bild nur um sie. Es sind die drei wichtigsten Freunde des Künstlers.

„Those teenagers? Before they were in the painting they only existed for each other. They had one summer on that pier twenty-five years ago which felt like it was going to last forever, because that´s how all summers must feel when you´re about to turn fifteen, that´s the age when friendship is like joining the mafia: you can´t leave it, you know too much. When you´re fourteen you know every corner of each other, all the weakest and most fragile places, and of course you can´t be allowed to become an adult with all that knowledge, because an adult would never be able to keep secrets like that.

One of the teenagers farted and everyone laughed like crazy. If you only get a few summer days like that you´re truly lucky, if you only find one friend like that you´re insanely fortunate.“

Das ist der Moment auf dem Bild: Einer aus der Gruppe hat gefurzt – und das Lachen, das darauf folgte, ist in dem Gemälde eingefroren. Wie kann man Lachen malen? Das fragt sich Louisa, die gerade achtzehn geworden ist, und dieses Bild über alles liebt. Sie ist in verschiedenen Kinderheimen aufgewachsen und ihre beste Freundin Fish hat sich vor kurzem das Leben genommen. Nur ein einziges Mal will sie das Bild in echt sehen, und schleicht sich deshalb in die Auktion, auf der es versteigert wird.

Es folgt ein irrer Handlungsstrang, in dem Louisa am Ende dieses Gemälde besitzen wird. Der zweite Handlungsstrang erzählt die Geschichte der vier Freunde: Dem Künstler – sein Name wird erst spät genannt – , Joar, den er in der Grundschule kennenlernt; sie sind ein eingeschworenes Team. Der schüchterne, sensible, an der Welt krankende Künstler und der kleine, zähe Joar, der einen alkoholkranken und gewalttätigen Vater hat. Man spürt früh eine Katastrophe sich anbahnen. Ted, den der Erzähler die meiste Zeit über begleitet, kam einige Klassen später hinzu; er stand dem Künstler immer näher als Joar, aber der Verbundenheit tat das keinen Abriss. Die vierte im Bunde ist Ali, sie kommt neu in die Klasse. Alle vier sind auf ihre Art Außenseiter, vielleicht finden sie deshalb zueinander. Verbringen die Nachmittage auf dem Pier. Vor allem Joar und Ali hecken Streiche aus; Ted ist der Ruhepol – und der einzige mit einem eigenen Zimmer. Sind sie nicht auf dem Pier, dann hängen sie bei ihm ab.

Joar ist es, der den Künstler zum Malen des Gemäldes animiert. Er sieht darin die einzige Rettung für ihn, den einzigen Weg, dass er die Stadt verlassen und so weiterleben kann. Joar weiß einfach, dass der Künstler einmal weltberühmt sein wird … Am letzten Ferientag stiehlt er das Auto seines Vaters und fährt mit den Freunden durch die halbe Stadt.

„`There!´Joar said suddenly, and stopped the car. `What?´ the others all wondered at the same time. Joar pointed to a large white building. `There!´ It was a museum. The friends didn´t get out of the car, but the artist moved to Ted´s side and looked out his window, so close to each other that Ted could hear his heartbeat. Joar´s voice became serious as he pointed and promised: `Inside there is where your painting is going to hang when you win the competition. Everyone will admire it. Waiters will go round serving Champagne and those tiny sandwiches that rich people eat. And you´ll walk in and everyone will applaud.“

Backman übt mit diesem Buch durchaus Kritik an der Kunstwelt, an deren Oberflächlichkeit.

„As an adult, the artist would be told that great artistry is something that has to find its way out of a person, but for him it was something that needed to find its way in. Because for him, art was love. Grief. A story.

A context.

If a homeless man in the street had tried to sell the painting of the children on the pier, it would have been worthless, but once it was hanging on a white wall in a beautiful gallery, it cost a fortune. When sufficiently wealthy people want something bad enough, it becomes invaluable, because then art isn´t experienced through the eyes, but by the ears, they´re not paying for a picture but for its name and history. In their world it isn´t the artist who should be admired, it´s the owner, because only something which has a price can have any value. That´s why the children in the painting are so important that they´re protected by guards, but the children on the pier in real life could die without anyone even caring.“

Wie Fredrik Backman die beiden Handlungsstränge verstrickt, funktioniert gut. Ted erzählt Louisa die Geschichte des Bildes – und damit sein Leben und das seiner Freunde in diesem Sommer vor fünfundzwanzig Jahren. Ich mag Backmans Sprache, ich mag seinen stets so philosophischen Blick auf´s Leben, wieder finden sich so viele nachdenkenswürdige Sätze in seinem Buch. Diesmal aber dreht er mir die Spannungsspirale eine Umdrehung zu weit. Denn auch wenn er – ähnlich wie T.C. Boyle – die Lesenden durchaus leiden lässt und Andeutungen wahr werden lässt, die schmerzen, gibt es hier zu viele Andeutungen, die sich ins Gegenteil kehren. So entwickelt sich das Schicksal der Freunde mitnichten so, wie es zwei Drittel des Buchs angedeutet wird.

Das ist völlig in Ordnung und bleibt trotzdem eine logische Erzählung. Backman spinnt damit aber seinen Spannungsbogen so sehr, dass die ein oder andere überraschende Wendung dann doch etwas konstruiert wirkt – und man sich schon ein klein wenig veräppelt vorkommt. Ich persönlich nehme Backman das übel, weil er das gar nicht nötig hat. „A Man called Ove“ und „Anxious People“ sind so großartige Bücher – die ohne konstruierte Wendungen ausgezeichnet funktionieren.

Ein schlechtes Buch ist „My Friends“ deshalb nicht. Ich mag die Geschichte, ich mag die Philosophie, ich mag die Innigkeit der Freundschaft unter den Jugendlichen. Und wer ohne Erwartungen oder Vorkenntnisse aus anderen Büchern Backmans an dieses Buch herangeht, wird es sicher auch sehr gerne lesen. Und wer es nicht liest, dem verrate ich noch eine meiner Lieblings-Ideen dieses Buchs:

„Fish read in a book that in Heaven, you get to choose one moment from your life. Your best moment. And then you get to feel like that forever. She said it doesn´t matter if we live till we´re eighty then, because that´s just lots and lots nows. And one single really good now is enough.“

Ausgewählte Bücher:

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