Wie unterschiedlich Bücher doch sind! Von einem Buch über Freundschaft stolpere ich ins nächste über Freundschaft – und die Erzählweise kann gegensätzlicher kaum sein. Bin ich bei Backmans „My Friends“ noch eingetaucht in die innige Verbundenheit vierer 15-Jähriger, wird mir diese – die Protagonisten hier sind ebenfalls 15 und die Geschichte wird ebenfalls in Rückblicken erzählt – nur geschildert. „Show, don´t tell“ lautet ein Leitsatz beim Bücherschreiben; Murakami kennt ihn offenbar nicht. Ich empfinde dieses Buch als reines „Erzählen“; das Mitfühlen bleibt mir hier verwehrt. Das mag ein bewusster Schachzug des Autors sein, es könnte auch mit den unterschiedlichen Kulturen zusammenhängen. Doch insgesamt hat mich „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ leider enttäuscht.
Doch worum geht es? Tsukuru Tazaki ist in seiner Jugend Teil einer fünfköpfigen Clique. Drei Jungen und zwei Mädchen finden in der zehnten Klasse eher zufällig zusammen, im Rahmen eines Schulprojekts.
„Bei den freimütigen Gesprächen, die sie in den Arbeitsgruppen führten, stellte sich heraus, dass die fünf charakterlich und in ihren Ansichten gut zusammenpassten. Sie vertrauten einander ihre Hoffnungen und Probleme an. Nach dem Sommerlager hatten alle fünf das Gefühl, genau am rechten Ort zu sein und wahre Freunde gefunden zu haben. Die jeweils anderen vier zu brauchen und von ihnen gebraucht zu werden gab ihnen das Gefühl ausgewogener Freundschaft.“
Das erfahre ich auf Seite 10 – erleben darf ich es nicht.
Tsukuru Tazaki ist der einzige der Gruppe, der keine Farbe im Nachnamen hat – doch auch im übertragenen Sinne empfindet er sich selbst als farblos. Das einzige Ziel, das er hat und nach dem Schulabschluss auch verfolgt, ist es, in Tokio Ingenieurswesen zu studieren, um Bahnhöfe bauen zu können. Bahnhöfe sind seine einzige Leidenschaft.
„Er beobachtete die uniformierten Beamten und ihre Gehilfen. Wie üblich versetzte ihn diese Beschäftigung in eine heitere Stimmung. Unmerklich und gleichförmig verstrich die Zeit. (…) Wahrscheinlich unterschieden sich die Vorgänge auf Bahnhöfen auf der ganzen Welt nicht grundsätzlich voneinander. Es herrschten Professionalität, Präzision und Effizienz. Dieser Zustand rief ein natürliches Wohlempfinden in ihm hervor. Er fühlte sich definitiv am rechten Ort.“
In seinem zweiten Studiensemester – jede freie Minute fährt er in seine Heimatstadt zu seinen Freunden – kündigen ihm diese ohne Begründung die Freundschaft. Sie wollen keinen Kontakt mehr. Tsukuru ist fassungslos und bringt nicht die Energie auf, nachzufragen, was die Gründe sind. Erst sechzehn Jahre später animiert ihn seine Freundin Sara dazu, der Sache auf den Grund zu gehen. Eigentlich stellt sie ihn vor die Wahl: Entweder, er klärt das Geheimnis von damals, oder sie könne nicht mehr mit ihm zusammen sein.
Ich empfinde das als recht drastisch, zumal es auf einer Art Küchenpsychologie basiert und nicht weiter begründet wird. Sie spüre, das ihn etwas blockiere. Aha. Aber Tsukuru willigt unverzüglich ein – und sucht nach all der Zeit einen nach dem anderen von damals auf.
Auch dies wird einfach erzählt. Tsukuru macht das einfach. Da ist kein Bangen, kein Zögern, kein Zweifel, nichts, bei dem man mitfühlen oder mitfiebern könnte. Das Geschehen bleibt dadurch sehr in der Distanz – ein Gefühl, das ich als Leserin, die gerne in die Bücher „eintaucht“, nicht mag.
Obendrein nerven mich Murakamis Vergleiche.
„(…) und die Erinnerung an die geheimnisvolle Tiefe seiner klaren Augen.“
Sind sie nun klar oder tief oder geheimnisvoll? Für mich widerspricht sich das. Oder:
„Mit einem herzlichen Lächeln nahm sie Tsukurus Visitenkarte entgegen und stupste mit einer sanften Geste, die an die weiche Nase eines großen Hundes denken ließ, eine Taste des Haustelefons an.“
Häh? Was soll dieser Vergleich? Wieso muss ich eine Geste so schildern? Das ist mir zu fern. Oder auch:
„Sie ging mit großen Schritten vor ihm durch den Flur. Sie klangen hart und präzise, wie die Schläge, die ein ehrlicher Schmied vom frühen Morgen an auf seinem Amboss hervorbringt.“
Haruki Murakami mag ein großer Schriftsteller sein, der vielleicht mal den Nobelpreis bekommen wird – er wird ja immer wieder als Kandidat gehandelt. Mich erreicht er leider nicht. Und dass ich hier nicht nur zweieinhalb Sterne vergebe, liegt allein an dem Spannungsbogen, den er zieht – man will ja schließlich auch wissen, was damals geschehen ist. Das offene Ende fällt dann bei aller Enttäuschung insgesamt kaum noch ins Gewicht.


