Marschlande

Jarka Kubsova

Seiten: 317
Verlag: Fischer Verlag
Erscheinungsjahr: 2023
ISBN-Nummer: 978-3-10-397496-6

Selten fiel es mir so schwer, über ein Buch zu schreiben, ich bin zweigeteilt in meiner Beurteilung. "Marschlande" wurde mir als "sehr gutes Buch" empfohlen - und ich habe es tatsächlich "gern" gelesen, soweit es bei dem Thema möglich ist. Am Ende ist mir der eine Teil der Geschichte aber doch zu klischeehaft.

Jarka Kubsova erzählt „Marschlande“ in zwei Ebenen und hat eine davon gut recherchiert: Abelke Bleken lebt Ende des 16. Jhd. in dem fruchtbaren Land am Deich, in der Gegend, die die Stadt mit Nahrungsmitteln versorgt. Sie ist allein, was in jener Zeit per se schon für Missmut sorgt. Dabei managt sie einen der größten Höfe und ist Hüfnerin – also nicht irgendwer. Um den Posten des Vogts zu bekommen, reicht ihr Einfluss aber nicht. Und so gerät sie in das Machtspiel dessen, der Vogt wird. Und der ihren Hof will.

„`Auch hier im Norden dachten sich einige Vertreter der höheren Stände: Warum dieses segensreiche Marschland eigentlich den Bauern überlassen? Diesen Schatz. Warum es nicht selbst in die Hand nehmen? Selbst produzieren? Es vielleicht besser machen? Mehr rausholen aus diesem gönnerhaften Boden, schneller, profitabler. All die kapitalistischen Ideen, die uns so vertraut sind, die kamen damals erst auf. Aber hier, in den Marschlanden, war es nicht so einfach möglich.´ `Weil das Land den Bauern gehörte. Es war ihr Eigentum´, sagte Britta. `Genau. Aber manche schreckte das offenbar nicht, sie versuchten trotzdem an Land zu kommen. Und sie versuchten es da zuerst, wo sie es sich am einfachsten vorstellten.´ Britta ahnte es schon. `Bei den Frauen.´ `Bei Alleinstehenden, Witwen, kinderlosen Frauen.´ `Das heißt, dass Abelke als Hexe bezichtigt wurde, weil man sie loswerden wollte?´“

Britta ist erst vor kurzem mit ihrer Familie in die Marschlande gezogen. Sie durchstreift die Landschaft in langen Spaziergängen und wird durch ein Straßenschild auf Abelke Bleken (die es tatsächlich gab) aufmerksam. Und recherchiert.

Dabei wird ihr zunehmend ihre eigene Situation deutlich: als Ehefrau, als Mutter, als Frau in der Gesellschaft. Sie fragt sich, wie sie an diesen Punkt kommen konnte: finanziell abhängig von ihrem Mann, weil sie nach dem Studium und dem vielversprechenden Job dann doch für die Kinder daheim blieb.

„Die letzten Jahre kamen ihr vor, als wäre sie durch einen langen Tunnel gefahren, vielmehr gerast. Seit einiger Zeit stand sie wieder im Licht, aber sie hatte die Orientierung verloren. Sie hatte sich verändert, sie wusste nur nicht, zu wem oder was. Denn sie war blind und taub geworden während dieser Raserei, für Träume, für Ziele, für sich. Manchmal lief sie durch dieses Haus, und in einer Ecke, hinter der Treppe, neben dem Spiegel, sah sie sich, aber in einer anderen Version, als kurze Erscheinung, wie einen Geist, in einem anderen Leben, das sie nicht lebte und das sie deshalb heimsuchte. Das war das Unheimliche hier, das geisterte hier herum. Teile von ihr, die gesehen werden wollten, die gelebt werden wollten.“

Die Ebene, die vom Schicksal Abelke Blekens erzählt, ist ergreifend, beklemmend, lehrreich, gut recherchiert. Jarka Kubsova setzt Abelke ein literarisches Denkmal, einer trotzigen, mutigen, selbstbewussten Frau, die sich den Gepflogenheiten ihrer Zeit widersetzt – und dafür bestraft wird.

Die Ebene, die von Brittas Selbstfindung erzählt, vom Hinterfragen ihres Lebens, ihrer Ehe, inspiriert von dem, was sie über Abelke erfährt, driftet für meinen Geschmack zu sehr ins Klischeehafte ab. Ja, viele Frauen dieser Generation finden sich in genau so einer Situation wieder. Doch nicht alle hadern damit. Brittas Leben wird dargestellt, als sei es nicht selbstbestimmt gewesen, als sei sie (wie Abelke?) Opfer der Situation – und das als Spiegel zu damals zu darzustellen, finde ich persönlich schwierig.

Jarka Kubsova – so ist es mein Eindruck – versucht, anhand der beiden Frauen aufzuzeigen, dass sich zwar in Sachen Gleichberechtigung schon viel getan hat – aber eben noch zu wenig. Sie hat sicherlich recht, aber ich finde es vermessen, die Situation einer Frau in den 2020er Jahren parallel zu zeichnen zu der einer Frau, die knapp 500 Jahre früher lebte.

Ein Buch allein über das Schicksal von Abelke Bleken hätte mich nachhaltiger berührt und wäre mir sicherlich stark in Erinnerung geblieben. Ein Buch über Britta hätte mir zu lesen keinen Spaß gemacht. Und so ist „Marschlande“ trotz der lieben Empfehlung für mich dann beides: sehr gut und absolut enttäuschend.

„Lange hatte es gedauert, bis der Fron sie so weit hatte, aber am Ende hatte sie alles gestanden. Das, was sie schon wussten von den Leuten hier, und dann noch all das andere übliche Hexenwerk, Flüge durch die Nacht, den Hexensabbat. All die sündhaften Details, wann und wie oft der Teufel bei ihr gelegen hatte. Alle Fragen aus dem Katalog waren schließlich beantwortet. Es wäre Delmenhorst nur lieber gewesen, sie hätte mehr von sich aus gesprochen. Mit ihrem `Was willst du denn jetzt noch hören, Junge?´ hatte sie ihm das unbefriedigende Gefühl gegeben, es vorzusagen. Aber am Ende hatte er seine erste Hexe überführt, und das war es, was zählte.“

Ausgewählte Bücher:

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Jan Weiler