Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff

Seiten: 348
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN-Nummer: 978-3-462-05034-9

Nach dem Jahr in Amerika und den Schilderungen der Kindheit geht es im dritten Band von „Alle Toten leben hoch“ um die Zeit der Ausbildung. Joachim Meyerhoff geht in München auf die Schauspielschule - und lebt in diesen drei Jahren bei seinen Großeltern. Eine prägende Zeit, zerrissen zwischen den Ritualen zu Hause und den Anforderungen in der Schule.

“´Wir haben circa vierzig Schüler, mehr nicht, und es gibt knapp über dreißig Lehrer. Stellt Euch das mal vor! Und die sind alle toll. Die sind alle für Euch da. Wir hatten exakt, äh Björn, wie viele Bewerbungen waren es diesmal, also exakt?` Der Mann neben ihm antwortete todernst: ´Neunhunderteinunddreißig!` Es klang wie eine Opferzahl, wie die bei einem furchtbaren Fährunglück zum Tode Gekommenen. ´Stellt Euch das mal vor: neunhunderteinunddreißig Bewerbungen. Die haben hier alle vorgesprochen. Und wir haben euch neun genommen. (…) Ich will euch da keinen Druck machen, aber…`“

Meyerhoff schildert die Zeit, als wäre er eigentlich fehl am Platz. Immer wieder rechnet er, ob er nicht doch noch eine Stelle im Schwesternwohnheim annimmt und Medizin studieren sollte. Sein Talent zum Schauspielern wird nicht offenbar, dem Leser nicht und auch ihm selbst nicht.

“…immer wollte ich eigentlich weg und blieb dennoch. Ich genoss Aikido, liebte es anzugreifen und herumgeschleudert zu werden, quälte mich in der Sprecherziehung, blühte auf im Gesangsunterricht und verwelkte in so mancher Improvisation. Besonders hasste ich Evolutionsaufgaben wie: von der Ursuppe zum Menschen oder Anweisungen wie: Ihr seid Spaghetti, die ins kochende Wasser geworfen werden.“

Die Großeltern sind der Kontrapunkt. Die Großmutter selbst einst Schauspielerin und Schauspiellehrerin auf eben jener Schauspielschule, eine Größe. Mit ihrem Mann führt sie ein getaktetes Leben, das von den Uhrzeiten des Alkoholkonsums bestimmt wird: Der Champagner vor der dem Frühstück, Weißwein zum Mittagessen, der Sechs-Uhr-Whisky, Rotwein zum Abendessen und Cointreau zur Nachtruhe. Der Autor stets mittendrin, den Frust des Schauspiel-Tages ertränkend.

“Es gab Abende, an denen ich so betrunken war, dass auch ich die Treppe nicht anders als mit dem Treppenlift hochgekommen bin.“

Für mich ist dieser Band drei einer der besten der fünfteiligen Reihe – die Einblicke in die sonst gefühlt so abgeschottete Welt der Schauspielschulen gefällt mir. Die Großeltern und ihre Eigenheiten sind wieder wunderbar geschilderte Charaktere. Und die Neugier, all diese Menschen mal zu googeln, wächst 🙂

Ausgewählte Bücher:

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Der kleine Hobbit


John R.R. Tolkien
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A slow fire burning


Paula Hawkins