Kim ist fünfzehn und fühlt sich fehl am Platz. Ihre Mutter und ihr Stiefvater Heiko kreisen nur um ihren viel jüngeren Bruder Geoffrey. Heiko macht richtig viel Geld mit immer neuen Investitionen in verrückte Erfindungen. Gleichzeitig sind er und die Mutter ständig am Nörgeln, von einer herablassenden Arroganz allem und allen gegenüber. Auf einer Grillparty platzt Kim der Kragen – mit verheerenden Folgen.
Die Eltern schieben sie daraufhin ab. Zu ihrem Vater. Den sie nicht kennt. Sechs Wochen lang, die kompletten Ferien. Ein absoluter Albtraum. Ronald Papen wohnt in einer Halle im Nirgendwo irgendwo im Ruhrgebiet, in der Nachbarschaft sind eine Autowerkstatt und ein Schrottplatz. Der Kanal fließt vorbei. Und ihr Vater ist auf den ersten Blick eine Enttäuschung.
„`Ich will nach Hause´, wiederholte ich, und dann begann ich zu weinen. Ich war gar nicht traurig, eher überfordert mit der Situation. Und wütend, weil ich wusste, dass Geoffrey, Heiko und meine Mutter jetzt wahrscheinlich im Bordkino den ersten Film auf dem Flug nach Florida ansahen. Sie hatten mich abgeschoben zu einem mittellosen wildfremden Mann, der nun versuchte, mich auf eine unbeholfene Art tröstend zu umarmen. Ich riss mich los, was ihn erschreckte. Er trat drei Schritte zurück und sagte: `Ich verstehe dich ja. Ich habe mir das auch nicht ausgesucht.´“
Ronald Papen verkauft Markisen. Zwei Modelle. Restbestände aus der ehemaligen DDR, furchtbar hässlich, und er versucht sie in Haustürgeschäften an den Mann, die Frau und die Balkons zu bringen. Er ist wahnsinnig erfolglos. Und doch stets freundlich, zuversichtlich, unerschütterlich in seiner Zugewandtheit.
Kim wird nicht abhauen, das beschließt sie früh. Denn sie ist auch neugierig. Schließlich hat sie ein Leben lang versucht, sich ihren Vater vorzustellen. Sie fängt an, ihn auf seinen Fahrten durch das Ruhrgebiet zu begleiten, was soll sie auch dauernd in der Halle, der Industriebrache abhängen – wenngleich sie im gleichaltrigen Alik vom Schrottplatz einen Freund findet.
Auf den Fahrten versucht sie, etwas über die Vergangenheit ihres Vaters zu erfahren. Warum er nie da war, nie geschrieben hat. Wieso er und Heiko sich überhaupt kennen. Was es mit diesen Markisen auf sich hat, die Ronald selbst als „Strafe“ bezeichnet, die er ableisten muss. Doch Ronald geht nicht auf die Fragen ein. Näher kommen sie sich trotzdem. Denn Kim entwickelt Strategien, um den Menschen an den Haustüren doch noch ihre Markisen anzudrehen. Und plötzlich sind sechs Wochen Ferien vorbei.
„Woran ich mich am liebsten erinnere, wenn ich an diese Sommerferien zurückdenke, das ist der Frieden und die Stille. Im Grunde das, was ich zu Beginn der sechs Wochen als tödliche Langeweile fürchtete. Frieden und Stille gab es sonst in meinem Leben kaum, es war ja andauernd irgendwas los. Auf dem Gewerbehof dagegen gab es höchstens das Geräusch, das Lütz machte, wenn er eine Schraube nicht losbekam, deswegen herumbrüllte und die Flex anwarf, um das Ding mit Funkenregen abzusägen, oder die Lastwagen der Spedition Oehmke (Immer gern nah und fern), die langsam auf das Gelände kamen und nach dem Halten laut ächzten, worauf Momente später sie Fahrertür zugeknallt wurde.“
„Der Markisenmann“ nimmt richtig Fahrt auf. Was zunächst als Coming-of-age-Roman anmutet, mündet in eine sehr ernste, sehr reale und sehr nahegehende Geschichte, atmosphärisch erzählt. Roland offenbart Kim am Ende der Ferien, warum er eine „Strafe“ abarbeitet, warum er sich nie gemeldet hat. Es ist weniger erwartbar, als man denken würde, weil es so ohne Pathos und Kitsch stattfindet. Wie überhaupt die ganze Erzählung kitschfrei ist, obwohl sich da beim Thema „Annäherung von Vater und Tochter“ durchaus Potential böte. Doch es wäre absolut fehl am Platz, die Beziehung der beiden bleibt realistisch.
„Ich lernte meinen Vater kennen, wenn er niedergeschlagen, aber ungebrochen von seinen einsamen Verkaufstouren kam, und wenn er heiter bis euphorisch seine Abschlüsse notierte. Am Ende kannte ich sogar die traurige Lebensgeschichte von Ronald Papen. Nur meinen Vater habe ich selten gespürt, denn diese Rolle vermochte er nicht zu spielen. Und ich denke, er wollte es auch nicht. Nach so vielen Jahren ins Leben seiner Tochter zu fallen wie ein Konzertflügel aus dem fünften Stock und nach dem Aufprall einfach dort weiterzuspielen, wo er knapp vierzehn Jahre vorher aufgehört hatte, wäre unmöglich gewesen.
Und so genossen wir aneinander nicht große pathetische Gesten der Wiedervereinigung einer Familie, die ja auch gar nicht stattfand, sondern die Momente stiller Übereinkunft, wie man sie nur unter Eltern und Kindern haben kann: kurze Berührungen, Blicke, das Einvernehmen von Menschen, die viele Gene teilen. Aber wir sprachen nicht darüber.“
Mir geht dieses Buch sehr nahe. Weil es einerseits etwas thematisiert, das ich persönlich kenne – das Gefühl, ohne Vater aufgewachsen zu sein. Und mir andererseits – durch die Lebensgeschichte von Ronald – eine Welt nahebringt, die mir fremd war (und die ich hier nicht spoilern will). Ein warmes, zu Herzen gehendes, auch nachdenklich machendes Buch. „Kaufen. Lesen. Glücklichsein“? Nicht ganz. Aber lesen: unbedingt!


