Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky

Seiten: 315
Verlag: Dumont Buchverlag
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN-Nummer: 978-3-8321-6457-7

Vielfach empfohlen, habe ich mir schließlich doch mal dieses Buch besorgt; bemüht, meine Erwartungen zu drosseln. Eingangs war es auch zäh - aber es hat mich schließlich doch erwischt! Eine absolut herrliche Lektüre!

„Das Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhanglos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren. Ein Okapi ist absolut unglaubwürdig, in der Wirklichkeit nicht weniger als in den unheilvollen Träumen einer Westerwälderin.“

Wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Ort. Das ist natürlich Aberglaube, das wissen alle, und doch wächst das dringende Bedürfnis, noch ein Geheimnis loszuwerden, schließlich könnte man der oder die nächste sein – man weiß ja nie. Das führt zu skurrilen Situationen – und häufig langen Schlangen am Briefkasten, wenn nach 24 Stunden alle wieder ihre Briefe aus dem Briefsack klauben wollen, bevor sie doch verschickt werden.

Hauptprotagonistin ist Luise, Selmas Enkelin, die wir schon als Kind kennenlernen. Selma ist ihre Hauptbezugsperson, ebenso wie die des Optikers. Der liebt Selma schon lange, alle im Dorf wissen es, nur er weiß nicht, dass alle es wissen. Für Luise ist er sowas wie ein Opa.

Es gibt noch Martin, der Kindheitsfreund. Die traurige Marlies, die immer noch in dem Haus lebt, in dem sich ihre Tante aufgehängt hat. Die selbst kaum mehr das Haus verlässt. Elsbeth, die Schwester von Selmas im Krieg gefallenen Mann, die immer nur wie aus dem Ei gepellt das Haus verlässt. Frederik, der Mönch aus Japan, der über viele Jahre mehr Geist als Brieffreund ist. Und Alaska, den riesigen Wolfshund, der eigentlich Luises Vater gehört, welcher aber irgendwann beschlossen hat, glücklicher zu sein auf Reisen.

Frederik lernt Luise kennen, als sie eigentlich Alaska sucht. Er kommt einfach aus dem Wald auf sie zu, hilft ihr beim Suchen. Er ist zu Besuch auf einem Seminar im Nachbarort.

„Alaska und ich rannten den ganzen Weg zurück in unser Dorf. (…) Ich hielt den beiden meinen Unterarm hin, wie die Patienten meinem Vater früher ihre Arme zur Blutentnahme hingehalten hatten. `Wir müssen die abschreiben, bevor sie verwischt. Habt ihr schonmal so eine lange Nummer gesehen?´ `Je länger eine Nummer ist, desto weiter weg ist der, dem sie gehört´, sagte Selma. (…) `Diese Nummer ergibt bestimmt eine sehr schöne Melodie´, sagte der Optiker. Selma hatte ihr Telefon mit Wählscheibe vor Kurzem ausrangieren müssen, sie hatte jetzt eins mit Tasten und den dazugehörigen Pieptönen. `Ja, vermutlich den Hochzeitsmarsch´, sagte Selma hinter Alaska. (…) Der Optiker und ich standen vor der Telefonnummer wie früher vor dem Bahnhof, als der Optiker Martin und mir die Uhr und die Zeitverschiebung erklärt hatte. `Ich weiß nicht´, sagte Selma, die immer noch vollständig hinter Alaska verborgen war, es sah aus, als würde Alaska bauchreden. `Hätte es nicht auch jemand Näheres sein können? Dieser Nette aus deiner Berufsschule vielleicht?´ `Leider nicht´, sagte ich. Das neue Telefon klingelte. Ich lief hin und nahm ab, und ich wusste, dass das mein Vater war, noch bevor er `Hallo, die Verbindung ist leider sehr schlecht´ sagten konnte. `Ich hab ihn gefunden, Papa`, sagte ich, `auch den Hund´.“

Die FAZ hat die Sprache von Mariana Leky gelobt: Sie sei „von scharfer Präzision und hinreissendem Witz.“ Das stimmt! So oft musste ich schmunzeln beim Lesen, über Situationen und Formulierungen. „Was ich von hier aus sehen kann“ ist ein absolutes Wohlfühl-Buch. Ganz bezaubernde, sympathische Charaktere! Und eben diese schöne Sprache. Oft mit der Kinderbrille erzählt – wahrscheinlich hat der Optiker auch deshalb keinen Namen, er war einfach immer nur „der Optiker“.

Luisa und Frederik sehen sich natürlich wieder. Kennenlernen steht auf dem Programm. Luisa läuft durchs ganze Dorf, um alle zu ermahnen, bloß nicht so zu sein wie sonst, so abergläubisch, so schlecht gelaunt, so aggressiv, so wortkarg, wo wissbegierig. Bringt natürlich nichts.

„Frederik und Selma gaben sich die Hand und schauten sich dabei sehr lange an. `Sie sehen gar nicht nach Japan aus´, sagte Selma, `eher nach Hollywood´. Der Optiker und ich dachten an die mehreren Leben, die man im Buddhismus hat, denn die Art, wie Selma und Frederik sich ansahen, legte nahe, dass sie sich in mindestens einem der Leben schon mal begegnet waren, und zwar nicht so nebenher, sondern weil sie gemeinsam einen Weltuntergang abgewendet hatten oder in derselben Familie groß geworden waren. `Sie sehen auch nicht so aus, wie ich Sie mir vorgestellt habe´, sagte Frederik. `Sie sehen aus wie jemand aus dem Fernsehen. Ich komme nur gerade nicht auf den Namen.´ Und das war der Moment, in dem wir es endlich auch sahen. Mein Gott, er hat recht, dachten er Optiker und ich, und wir konnten nicht fassen, dass es uns unser ganzes aktuelles Leben lang nie aufgefallen war.“

Denn Selma sieht exakt so aus wie Rudi Carell.

Ein ganz wunderbares Buch, ohne Anspruch, aber ohne dabei oberflächlich zu sein. Beste Unterhaltung. Ein Buch, in dem man wohnen möchte!

Ausgewählte Bücher: