Jürgens Mutter stirbt. Sie ist über neunzig, er selbst ist Rentner, und er wird nun in sein altes Elternhaus zurückziehen, um sich um den 95-jährigen Vater zu kümmern. Walther, der erst aus der Kriegsgefangenchaft zurückkam, als er selbst schon zehn Jahre alt war. Zehn Jahre, die er mit seiner Mutter alleine war, sie für sich hatte, ihr Leiden und ihr Warten miterlebt und geteilt hat.
Was damals im Krieg war, darüber spricht Walther nicht. Grethe, seine Frau, Jürgens Mutter, wollte es nicht hören. Und er fragt nicht nach ihren Kriegserlebnisssen. Sie haben sich eingerichtet – doch nun, nach all den Jahren und ohne Grethe, wo ihm selbst die Zeit davonläuft, kommen die Gedanken und Erinnerungen, drängt das Unausgesprochene, Unverarbeitete nach oben.
„Es war so viel in seinem Kopf jetzt und die Erinnerungen vermischten sich mit irgendwas, sie tanzten in dem Schatten, den die Vergangenheit warf, sie tanzten in seinen Träumen, tanzten ihm auf der Nase herum, und er selbst lag im Bett und bewegte sich nicht und starrte mit aufgerissener Seele die Bilder an, die sein Kopf in die Nacht warf, und ihm wurde klar, dass das keine Träume, keine Angste mehr waren, die sich ihm nun zeigten, sondern dass das sein Leben war. Sein verpfuschtes Leben. Er lag in dem Haus, das er gebaut hatte, und wusste, dass er eine Ruine war.“
Das Schweigen, das sich zwischen Walther und Grethe, aber auch zwischen Walther und seinem Sohn Jürgen manifestiert hat, findet sich genauso wieder in Jürgens Beziehung zu seinem Sohn Nicki. Der ist gerade, obwohl schon ein erwachsener Mann und fest im Leben stehend, das erste Mal verliebt. Das in Worte zu fassen, fällt ihm nicht schwer, es ist gar eine Art Zuflucht, wenn anderswo die Worte fehlen. Über das Verhältnis zu seinem Vater kann er nicht sprechen. Obwohl es ein gutes ist. Sein Vater, der seinen Großeltern Walther und Grethe einst zur Flucht in den Westen verholfen hat. Der selbst fürs Studium vorausgegangen war. Wie war das damals? Ruth, seine Liebe, stellt diese Fragen. Sie fragt auch nach dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft – doch wie antworten, wie das Ungesagte in Worte fassen?
„Und dann diese Stille“ ist vielschichtig. Die Stille nach dem Tod, nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Die Stille zwischen den Generationen. Die Stille, wenn man selbst das Alter wahrnimmt. Die Stille, wenn der Geliebte nicht antwortet, weil manche Gefühle nicht ausgesprochen werden können. Die Trauer etwa über den Tod der Großmutter. Harriet Köhler beschreibt das sehr nachvollziehbar aus den jeweiligen Perspektiven der drei Männer.
„Manchmal blieb Walther im Schlafzimmer stehen, sah sich um und wusste nicht, was er dort eigentlich gewollt hatte. Manchmal stand er in der Küche, wurde wütend und wusste nicht, warum. Manchmal lag er im Bett und sehnte sich nach etwas und war sich, obwohl er sich das wünschte, nicht sicher, ob es Grethe war. Manchmal bekam er Angst, hatte das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben, wusste aber nicht, was.
Er wusste, dass es keine Demenz war. Er erinnerte sich an alles. Mehr als je zuvor erinnerte er sich. Er wusste, dass es vom Herzen her kam. Eine Unruhe, sie fühlte sich fast organisch an. Als schlüge sein Herz nicht mehr im richtigen Takt. Manchmal warf er einfach Sachen auf den Boden. Bücher, Kleider, Kleinkram. Er wusste, dass er das tat. Er war nicht verrückt. Er hatte nur manchmal das Gefühl, verrückt zu werden, wenn er es nicht tat.“
Es braucht nicht immer Worte. Man muss Stille auch aushalten können. Und doch ist Stille nicht immer die Antwort oder gar die Lösung. Wohin sie führen kann, wie schwierig es ist, sie zu überwinden, und dass es dennoch andere Brücken als Worte gibt, all das erzählt dieses großartige Buch. Vom Altwerden und dem, was übrigbleibt. Vom Jungsein und es letztendlich kaum anders machen können, weil wir alle doch nur Opfer sind unserer Erziehung, unserer Erfahrungen, unserer Gewohnheiten.
Ein trauriges, aber keinesfalls deprimierendes Buch. Als ich damit fertig war, hätte ich am liebsten sofort wieder von vorne angefangen – und das kommt wahrlich nicht häufig vor. Großartig!


