Schnee, der auf Zedern fällt

David Guterson

Seiten: 512
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsjahr: 1996
ISBN-Nummer: 3-7632-4552-9

Nachdem ich von „Östlich der Berge“ so begeistert war, habe ich mir gleich das bekanntere Buch von David Guterson nochmal geschnappt und ein zweites Mal gelesen. Das erste Mal dürfte gut 20 Jahre her sein, ich hatte es in guter Erinnerung. Dieses Mal bin ich ein klein wenig enttäuscht - an „Östlich der Berge“ kommt „Schnee, der auf Zedern fällt“ für mich nicht heran.

Der Fischer Kaburo steht vor Gericht. Er soll einen anderen Fischer, seinen Kindheitsfreund Carl, umgebracht haben, nachts im Nebel, auf dessen Boot. Das Motiv soll eine Streiterei um eine Erdbeerplantage gewesen sein – Kaburos Eltern hatten sie von Carls Eltern einst erstanden, wurden jedoch mit Beginn des Krieges interniert. Die letzte Rate blieb aus; Carls Mutter veräußerte das Land ohne Rücksicht auf mögliche andere Besitzer. Der Beginn einer Familienfehde.

Ishmael schreibt für seine Zeitung über die Verhandlung. Dass die Frau des Angeklagten, Hatsue, seine große Liebe war, auf die er auch heute noch wartet, macht ihm die Arbeit nicht einfacher.

In Rückblenden erzählt Guterson von den Erfahrungen Ishmaels im Krieg, von seiner Jugend, seiner geheimen Liebe mit Hatsue. Und er erzählt von der Geschichte der Japaner im Nordosten der USA; vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und in den Jahrzehnten danach.

“Ihre Mutter sah offenbar die Kluft zwischen dem, was Hatsue tat, und dem, was sie war. Aber was war sie denn eigentlich? Sie war von hier und nicht von hier, und wenn sie auch noch so gern Amerikanerin gewesen wäre, so war es doch, wie ihre Mutter sagte: Sie hatte das Gesicht der Feinde Amerikas, und das würde immer so bleiben. (…) Und zugleich war sie auf San Piedro verwurzelt und wollte nichts als ihre eigene Erdbeerfarm, den Geruch der Felder und der Zedern; sie wollte einfach nur immer hier sein. Und dann Ishmael. Er gehörte zu ihrem Leben genauso wie die Bäume, und er roch nach Zedern und nach Muschelstränden. Und doch blieb bei aller Verbundenheit mit ihm etwa leer in ihr. Er war kein Japaner.“

“Schnee, der auf Zedern fällt“ ist Kriminalfall, Familiensaga, Gerichtserzählung und Liebesroman in einem. Es geht um das Streben nach der Erfüllung seiner Träume, um die Frage des Gewissens, die Abwägung, das richtige zu tun. Ishamel wird schließlich die Hintergründe von Carls Tod aufklären.

„Zum ersten Mal in seinem Leben ging Ishmael auf, daß Zerstörung etwas schönes sein konnte. (…) Er stand da und betrachtete die Zerstörung im Hafen und wußte, daß er etwas Unverletzliches in sich trug, von dem andere Männer nichts ahnten, und zugleich hatte er nichts. Zwölf Jahre lang hatte er gewartet, daß wußte er. Er hatte gewartet, ohne es zu merken, und das Warten hatte sich in etwas Tieferes verwandelt. Er hatte zwölf lange Jahre gewartet. Die Wahrheit lag nun in Ishmaels Tasche, und er wußte nicht, was er mit ihr anfangen sollte.“

Ich mag Gutersons Sprache, wobei ich sie bei „Östlich der Berge“ als „wuchtiger“ empfunden habe. Hier arbeitet er viel mit Wiederholungen. Gerade im Gerichtssaal wird das Frage-Antwort-Spiel zwischen Zeugen und Anwälten von Wiederholungen getragen, der behäbigen Sprache der Fischer, der Inselbewohner, der Menschen, die sich schon ein Leben lang kennen. Und doch fließen immer auch Momente der Philosophie ein, etwa, wenn Kaburos Anwalt sinniert.

“Er war neunundsiebzig und in einem verfallenden Körper eingesperrt. (…) Er hatte es zu einer gewissen Weisheit gebracht – wenn man es so nennen wollte -, wußte freilich, daß die meisten alternden Menschen keineswegs weise waren, sondern nur einen dünnen Mantel aus billigen Weisheiten als Schutz vor der Welt trugen. Die Weisheit, die junge Leute vom Alter erwarteten, war in diesem Leben sowieso nicht zu erlangen, egal, wieviele Jahre man lebte. Er wünschte sich, ihnen das sagen zu können, ohne sie zu enttäuschen oder Spott oder Mitleid hervorzurufen.“

Ein schönes Buch, das man aber besser vor „Östlich der Berge“ lesen sollte.

Ausgewählte Bücher:

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Der kleine Hobbit


John R.R. Tolkien
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A slow fire burning


Paula Hawkins