Das größere Wunder

Richard Stengel

Seiten: 523
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN-Nummer: 978-3-423-14389-9

Was für ein großartiges Buch! Mein absolutes derzeitiges Lieblingsbuch! Ich liebe liebe liebe es!!! Ein nicht-nur-fünf-Sterne-Buch, sondern auch eines, das auf meinen Fünf-Sterne-Bücherstapel darf, die höchste aller meiner Auszeichnungen.

Dabei hab ich schon einiges von Thomas Glavinic gelesen. Als damals „Das größere Wunder“ herauskam, hatte ich eine Art Overdose von ihm; nur so kann ich mir erklären, dass dieses großartige Buch so lange von mir unentdeckt blieb. Zum Glück wurde ich durch eine liebe Kollegin darauf aufmerksam gemacht. Danke!!

Thomas Glavinic führt uns mit seinem Protagonisten Jonas jemanden vor Augen, der alles im Leben hat, der so reich ist, dass er sich jeden, wirklich jeden materiellen Wunsch erfüllen kann. Und der trotzdem nicht glücklich ist. Von klein auf – geboren in armen Verhältnissen und von der Mutter vernachlässigt – ist er auf der Suche nach dem Sinn. Er reizt seine Grenzen aus, schon immer, er will wissen, wie sich das anfühlt – und ob sich ihm dadurch etwas offenbart.

“Jonas gab Gas, und der Traktor tauchte über die Kuppe.  ´Das überleben wir nicht!` schrie Werner und lachte schrill. Als die Tachometernadel die Maxinamalanzeige erreichte, kuppelte Jonas den Gang aus. Die beiden neben ihm riefen und schrien, doch er verstand ihre Worte nicht mehr. Je schneller der Traktor den Berg hinabsauste, desto tiefer versank Jonas in einem Gefühl vollkommener Leichtigkeit. Er fühlte sich schwerelos, geborgen und heiter. Es war, als müsste er nicht mehr atmen, um zu leben. Kein Gedanke störte seine Seligkeit, keine Erinnerung suchte ihn heim, er vermisste nichts und niemanden. Links und rechts der Straße flogen Bäume und Sträucher an ihm vorbei, und er war wie neu. Ewig stürzen. Das ist das Glück.“

Eine Stelle im Buch beschreibt es gut: „Jonas‘ Gedanken und Gefühle kreisten selten um ein Warum, sie waren besessen vom Warum nicht, von dieser lapidar wirkenden Frage, besessen von diesem Spiel.“ Jonas gibt der Frage oft nach. Und rekapituliert die Antworten, während er auf einer Expedition zum Gipfel des Mount Everest ist. Warum er sich angemeldet hat, weiß er selbst nicht mehr. Der Aufstieg bildet den zweiten Erzählstrang, den der Gegenwart. Und je höher er kommt, je näher er dem Gipfel ist, desto mehr Antworten bekommt auch der Leser.

Jonas‘ Leben ist verrückt, abgefahren, tragisch wundervoll, beneidenswert und doch wieder angsteinflößend. Ein zentraler Satz: „Unglücklich war er selten, glücklich nie.“ Glavinic hat einen faszinierenden Charakter geschaffen, nicht immer sympathisch, aber sehr interessant. Allein die Szenen, die am Everest spielen, sind großartig. Man ist selbst dabei, spürt die Kälte, den Wind, diese Todeszone. „Ich bin ein Eindringling in dieser Welt, die für mich zu groß ist.“

“Ehe er in die Dunkelheit abtauchte, fiel ihm Tanaka ein. Den hatte er damals, als er mit Fischvergiftung und Krämpfen in Armen und Beinen in einem Tokioter Krankenhaus gelegen war, gefragt: ´Wie elend kann man sich eigentlich fühlen?` ´Elend wird nach Richter gemessen`, lautete die Antwort. ´Wovon reden Sie da?´  ´Von Erdbeben. Oder eigentlich davon, wie man Erdbeben und Elend misst. Die Mercalli-Skala endet bei 12. Richter ist prinzipiell nach oben offen. Übelkeit, Elend, Depression – alles Richter. Freude, Lust, Glück – alles Mercalli.`“

Ein Buch, für das ich jede/n beneide, der es zu lesen noch vor sich hat. Eine 12 plus auf der Mercalli-Scala!

Ausgewählte Bücher:

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Der Herr der Ringe


John R.R. Tolkien
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Der kleine Hobbit


John R.R. Tolkien
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A slow fire burning


Paula Hawkins