Yellowface

Rebecca F. Kuang

Seiten: 381
Verlag: Eichborn Verlag
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN-Nummer: 978-3-8479-0214-0

Von diesem Buch hatte ich gar nichts mitbekommen - obwohl es laut Aufkleber "Spiegel-Beststeller" ist. Wobei das ja heutzutage nicht viel heißt ... Durch Lesekreis Nr. 2 bin ich darauf aufmerksam geworden. Eine sehr moderne - und aktuelle - Erzählung, mit Debatten um Cancel Culture, kulturelle Aneignung und die Sucht nach Anerkennung in den Sozialen Netzwerken. Nebenbei erfährt man viel über die Literaturbranche. Interessant!

June Hayward und Athena kennen sich seit dem Literaturstudium in Yale. Sie haben den gleichen Traum: Eine erfolgreiche Bestsellerautorin zu werden. Athena schafft das, Junes Debutroman floppt. Trotzdem sind die beiden befreundet – sofern man das so nennen kann, wenn eine von ihnen, June, der anderen, Athena, mit Neid und Missgunst begegnet.

Als Athena völlig überraschend stirbt, sieht June ihre Stunde gekommen: Sie nimmt das gerade fertig gewordene Manuskript von Athenas neuem Buch an sich. Praktisch, dass Athena nie über ihre Arbeit gesprochen hat, solange sie nicht fertig war mit dem Schreiben. June überarbeitet den Entwurf, streicht, ergänzt, macht daraus ein Buch. Und veröffentlicht es unter ihrem Namen. Oder besser gesagt: Unter ihrem vollen ersten und dem zweiten Vornamen: Juniper Song. Ihr Gewissen rührt sich bei all dem nicht.

„Es ist nicht so, als hätte ich ein Gemälde als mein eigenes ausgegeben. Ich habe eine nur grob mit Farben versehene Skizze geerbt und sie im Originalstil vollendet. Stell dir vor, Michelangelo hätte eine riesige Fläche in der Sixtinischen Kapelle unfertig hinterlassen. Stell dir vor, Raphael hätte seinen Platz einnehmen und den Rest erledigen müssen. (…) Und selbst wenn es Diebstahl war. Selbst wenn ich es in Bausch und Bogen übernommen hätte, na und? Athena starb, bevor irgendjemand von dem Manuskript erfuhr. Es wäre nie veröffentlicht worden, und wenn doch, wäre die ursprüngliche Version als Athenas unvollendetes Manuskript in die Annalen eingegangen, so aufgeblasen und enttäuschend wie F. Scott Fitzgeralds `Der letzte Taikun´. Durch mich hat das Buch die Chance, in der Welt wahrgenommen zu werden, ohne der Kritik ausgesetzt zu sein, die eine geteilte Autor:innenschaft nach sich zieht. Und bei der vielen Arbeit, die ich investiert habe, den vielen Stunden der Anstrengung – warum sollte da nicht mein Name auf dem Cover stehen? Athena wird schließlich in der Danksagung erwähnt. Meine geschätzte Freundin. Meine größte Inspiration.“

Das sagt viel über den Charakter der Hauptfigur, die Autorin Rebecca F. Kuang in der Ich-Form erzählen lässt. June ist egozentrisch, missgünstig, klug und wortgewandt – aber nicht sehr sympathisch. Und sie ist süchtig nach der Aufmerksamkeit der Sozialen Netzwerke – der positiven, wohlgemerkt. Schließlich sind ihre FollowerInnen die einzigen Menschen, mit denen sie ihre Erfolge – etwa den Platz auf der Bestsellerliste der New York Time – teilen kann. Denn ihre „Freundin“ Athena ist tot, und ihre Familie interessiert sich nicht dafür.

„Ich teile meine Neuigkeiten stattdessen mit der Öffentlichkeit. In einem langen Twitter-Thread erkläre ich, warum es mir viel bedeutet, auf der Liste gelandet zu sein, besonders nach dem Misserfolg meines ersten Buches; ich schreibe über die lange, mühsame Plackerei in der Buchbranche, die sich endlich auszahlt. (…) Die Infusion aus Likes und Glückwünschen ist genau das, was ich brauche, um die innere Leere zu füllen. Ich sitze vor meinem Bildschirm, beobachte die steigenden Zahlen und genieße den kleinen Serotoninschub bei jedem Schwall neuer Nachrichten.

Irgendwann muss ich pinkeln und reiße mich vom Bildschirm los. Ich bestelle mir ein Dutzend Cupcakes bei Baked & Wired, einen von jeder Sorte im Tagesangebot. Als sie kommen, setze ich mich mit einer Gabel auf den Boden und esse, bis sie gut schmecken.“

Doch es kommt, wie es kommen muss: Das Blatt wendet sich. Und Rebecca F. Kuang schildert wahnsinnig gut, wie die Sozialen Medien ticken. Und zwar auch, wenn sie austicken. Wenn sie ein Opfer gefunden haben, wenn die Trolle aus ihren Löchern kommen, wenn sie sich auf Existenzen stürzen, um sie zu zerstören. Und sie schildert, was das mit einem Menschen machen kann. Die Auslöser sind dabei vielfältig: Nicht nur der erste Verdacht, ihr Bestseller könnte ein Plagiat sein, macht June zur Zielscheibe, sondern auch der Vorwurf der kulturellen Aneignung. Denn Athena war chinesisch-amerikanisch-stämmig, und in dem geklauten Buch (das June selbst nie als geklaut bezeichnen würde) geht es um das chinesische Arbeiterkorps im Ersten Weltkrieg. Darf eine Weiße über so ein Thema schreiben?

„Ich führe niemanden absichtlich in die Irre. Ich habe mir zwar kein großes Schild an die Stirn genagelt, auf dem WEISS! steht, aber hat nicht jeder die Pflicht, unvoreingenommen zu bleiben? Ist es nicht irgendwie rassistisch, meine Herkunft von meinem Nachnamen abzuleiten?“

Das ist eine sehr interessante Frage – die sich Weiße nur selten stellen. Auch das gefällt mir an diesem Buch: Dass hier Perspektiven verschwimmen. Und mir gefallen die Einblicke in den Literaturbetrieb. Sicher sind auch die überzeichnet – allerdings stolpere ich in der Danksagung über die Formulierung “ … und mich dazu ermutigt habt, mich nie zurückzuhalten.“ Vielleicht sind ja durchaus eigene Erfahrungen in die Schilderungen eingeflossen?

June jedenfalls fällt es schwer, an ihren Erfolg anzuknüpfen, ihr fehlen Geschichten und Worte.

„Mein Gott, wie ich meine Schulzeit vermisse, als ich noch eine leere Seite aufschlug und Möglichkeiten anstelle von Frustation sah. Als es mir noch echte Freude bereitete, Worte und Sätze aneinanderzureihen, nur um zu sehen, wie sie klingen würden. Als das Schreiben noch ein Akt reiner Vorstellungskraft war, ich mich selbst an andere Orte entführte und etwas erschuf, das nur mir gehörte. (…) Doch sobald man es zu seinem Beruf macht, wird das Schreiben plötzlich von Eifersüchteleien, undurchsichtigen Marketingbudgets und Vorschüssen bestimmt, die nicht an die deiner Kolleg:innen heranreichen. Lektor:innen kommen dazu und basteln an deinen Worten, deiner Vision herum. Die Leute vom Marketing und der PR-Abteilung wollen, dass du mehrere hundert Seiten voller sorgfältig formulierter Beobachtungen in mundgerechte Twitter-Häppchen einstampfst. Die Leser:innen fügen ihre eigenen Erwartungen hinzu, nicht nur an das Buch, sondern auch an deine politischen Überzeugungen, deine Weltanschauung, deinen Ethikbegriff. Du selbst, nicht dein Text, wirst zum Produkt – dein Aussehen, dein Verstand, deine Schlagfertigkeit und deine Loyalität in Internetfehden, um die sich die reale Welt einen Dreck schert. Und schreibst du erst einmal für den Markt, ist es egal, welche Geschichten noch in deinem Inneren brennen. Es zählt nur, was das Publikum sehen will (…). Sie wollen das Neue und Exotische, das Diverse, und wenn ich mich über Wasser halten will, muss ich ihnen genau das geben.“

Ich finde das Buch richtig gut. Kuang schürt durch ihre Protagonistin die Empörung auch der Lesenden (nicht nur der Trolle im Buch). Und obwohl man sie nicht sehr mag, folgt man ihr gespannt. Mitleiden konnte ich nicht – zu viele Anfeindungen sind selbst provoziert (was nicht heißt, dass sie damit gerechtfertigt wären, aber sie sind absehbar und wären durch klügeres Handeln vermeidbar gewesen). Aber so ist es eben, wenn man die Sozialen Medien für das echte Leben hält …

„Als meine Schmerztabletten zur Neige gehen und ich mich den Qualen der Denkfähigkeit stellen muss, vertrödele ich die Stunden, indem ich stumpf durch Twitter scrolle. (…) Das Ganze stinkt nach Verzweiflung, aber ich kann nicht wegsehen. Es ist das Einzige, was mich noch mit der Welt verbindet, zu der ich gehören will.“

Am Ende dreht Kuang für meinen Geschmack eine Umdrehung zu viel – diese letzte Spirale auf den letzten 60 Seiten hätte ich nicht mehr gebraucht. Ich hab sogar überlegt, deswegen einen halben Stern abzuziehen. Aber die gelungene Kombination aus aktueller Debatte, Sozialen Medien und Buchbranche hat volle vier Sterne wirklich verdient!

Ausgewählte Bücher:

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Yellowface


Rebecca F. Kuang
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My Friends


Fredrik Backman