Mit anderen Augen

Jane Tara

Seiten: 487
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN-Nummer: 978-3-257-07383-6

Ich sag es gleich vorweg: Ich feiere dieses Buch!! Etliche Tage habe ich das Lesen vor mir hergeschoben, sehr untypisch, weil ich eine abgedroschene, erwartbare Erzählung über das vermeintlich schlimme Schicksal von Frauen ab 50 erwartet habe. Bekommen habe ich eine erfrischende, ermutigende, augenzwinkernde Lektüre, die durchaus zum Nachdenken anregt.

„Kein sterblicher Mensch hat die Dinge jemals so gesehen, wie sie sind, obwohl uns diese Formulierung geläufig ist wie jedes andere Alltagswort und alle sie ständig im Mund führen. Wir können die Dinge nicht sehen, wie SIE sind, denn unsere Natur zwingt und dazu, sie nur so zu sehen, wie WIR sind. Uns selbst werden wir niemals los.“

Allein dieses „Vorwort“ zu Beginn des Buchs – zitiert nach dem Artikel „Things as They Are“ aus der Zeitschrift „Atlas“ von 1831, Verfasser unbekannt – ist absolut merkens- und zitierwert. Was für ein Einstieg! Okay, ich war neugierig, nachdem ich tagelang um dieses Buch herumgeschlichen bin und doch wusste, ich muss es binnen der nächsten zehn Tage lesen. Knapp 500 Seiten in zehn Tagen – allein das eine Herausforderung. Doch der Lesekreis-Termin war gesetzt.

Als ich dann endlich begonnen hatte, war es um mich geschehen: Ein Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen wollte – und binnen fünf Tagen durch hatte.

Was war anfangs mein Problem? Der Klappentext. Es geht um eine Frau, Tilda, die eines Tages bemerkt, dass ihr kleiner Finger verschwunden ist. Er ist nicht ab, er ist nur nicht mehr sichtbar. Und dabei bleibt es nicht: Tilda wird unsichtbar. „Gähn“, dachte ich, eine metaphorische Erzählung über das Nicht-gesehen-werden älter werdender Frauen.

Pustekuchen! Ja, es geht um das nicht-gesehen-werden älter werdender Frauen. Aber auf sehr humorvolle, augenzwinkernde und zum Nachdenken anregende Art. Denn Jane Tara tut so, als wäre Unsichtbarkeit tatsächlich eine Krankheit. Wenn auch eine schlecht erforschte, schließlich sind ja nur älter werdende Frauen ab 50 betroffen – uninteressant für die Forschung. Auch Tilda hatte bis zu ihrer Diagnose noch nichts von dieser Krankheit gehört.

„`Ich vermute eine Unsichtbarkeitserkrankung, lateinisch Morbus invisibilis. Du hast die typischen Symptome, aber sicher kann ich erst sein, wenn wir die anderen Untersuchungsergebnisse haben.´ Tilda kniff die Augen zusammen. `Ich verstehe nicht ganz.´ `Unsichtbarkeit´, wiederholte Gurinder. `Du wirst unsichtbar.´ Tilda starrte ihre Ärztin an. `Davon habe ich schon gehört. Ich weiß, dass das unter Frauen ein Thema ist, aber ich dachte immer, das ist so  eine Art Metapher. Oder zumindest äußerst selten.´`Gar nicht so selten, wenn Frauen älter werden´, entgegnete Gurinder. (…) `Ich verschwinde also?´ `So bezeichnen wir das heute nicht mehr. Die Aktivistinnen lehnen es nachdrücklich ab. Frauen, die von dieser Erkrankung betroffen sind, verschwinden ja nicht im eigentlichen Sinn. Sie werden zwar unsichtbar, sind aber eindeutig noch da. Das ist ein großer Unterschied.´“

Die Diagnose ist ein Schock. Zumal die Krankheit schneller voranschreitet als gedacht. Es bleibt nicht beim kleinen Finger, auch die Nase und der Hals sind bald nicht mehr zu sehen. Tilda will sich mit der Diagnose aber nicht abfinden. Die Krankheit gilt als unheilbar – aber das kann es doch nicht sein?? Zunächst sucht sie Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe.

„`Brenda, ich weiß, du hast die verschiedenen Stadien der Unsichtbarkeit schon oft erklärt, aber ich habe es immer noch nicht ganz verstanden.´ `Wir können das gern noch einmal wiederholen, Lara. (…) Stadium 1: 90% aller Frauen über 50. Dieses erste Stadium kennen wir alle´, erläuterte Brenda. `Es hat sich langsam bei uns eingeschlichen, irgendwann ab ungefähr Mitte vierzig. Obwohl es in diesem Stadium noch keine erkennbaren Auswirkungen gibt, werden wir etwa bei Beförderungen im Job übersehen, obwohl wir häufig am besten qualifiziert sind. (…) Stadium 2: Verschwinden einzelner Körperteile. (…) Das ist niederschmetternd. Wir verstecken die fehlenden Körperteile mit unserer Kleidung und lenken mit auffälligen Accessoires von unserem Zustand ab. (…) Stadium 3: Verlust ganzer Gliedmaßen. (…) Stadium 4: Vollkommene Unsichtbarkeit.´“

Tilda versucht alles. Sie lässt sich sogar auf den Eso-Kram ein, den ihre beste Freundin immer predigt – die hat sie auch bei einer der gefragtesten Spezialistinnen für die Therapie angemeldet. Eine Scharlatanin, sagen die einen. Sie habe vielen geholfen, sagen die anderen. Tilda versucht es, beobachtet ihre Gedanken und lernt PAULA kennen: das Programm Aller Unhinterfragten Langzeit-Automatismen.

Paula ist sehr negativ, sehr kritisch, sehr streng. Es ist nicht einfach, ihr beizukommen – doch allein, sich ihrer bewusst zu werden, hilft, um die Automatismen neu zu konfigurieren. Schritt für Schritt setzt sich Tilda so mit sich selbst auseinander, mit ihrer gescheiterten Ehe, ihren Freundschaften, ihrem Erfolg als Unternehmerin, ihren verlorenen Träumen.

Die Erkenntnis am Ende ist simpel und naheliegend, und doch schadet es nicht, dass einem auch als Leserin (dieses Buch richtet sich ausschließlich an die Zielgruppe der Ü50-Frauen) all das nochmal vor Augen geführt wird: Selbstzweifel, Selbstliebe, Freundschaft, Träume … Auch die Frage: (Wie) Sehe ich andere Menschen?

Ich liebe „Mit anderen Augen“, auch wenn die Nebenhandlung der Liebesgeschichte ein klitzeklein wenig zu kitschig ist. Deshalb auch keine fünf Sterne, aber viereinhalb sind ja auch schon eine Nummer 🙂

„`Was bedeutet es, sichtbar zu sein? Es bedeutet alles. Wir sehnen uns danach, in jeder unserer Beziehungen, so flüchtig sie auch sein mag. Wenn wir gesehen werden, gibt uns das Bedeutung. Aber Sichtbarkeit fängt immer bei uns selbst an. Zuallererst müssen wir uns selbst sehen. Und um das zu erreichen, müssen wir uns mit uns selbst hinsetzen und lauschen. Wer sind wir wirklich? Welche Geschichten erzählen wir uns? Und warum?´“

Ausgewählte Bücher:

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Mit anderen Augen


Jane Tara
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Lázár


Nelio Biedermann
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Gilgamesch


Stephen Mitchell (Hrsg.)