Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff

Seiten: 307
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2020
ISBN-Nummer: 978-3-462-00264-5

Es ist schon merkwürdig, dass man vier Bücher von - und in diesem Fall vor allem: über jemanden lesen kann, und beim fünften Buch ist einem das alles über. Eine leise Antipathie hatte sich ja schon in Band vier der fünfteiligen Reihe angebahnt - trotzdem war er der beste aus meiner Sicht. Nun ist mir der Autor Joachim Meyerhoff komplett unsympathisch geworden.

Auch passt das Buch eigentlich nicht in diese Reihe. Während vier Bänder der „Alle Toten fliegen hoch“-Serie von Erzählungen aus der Kindheit, Jugend und dem jungen Erwachsenensein handeln, steht nun der erwachsene Meyerhoff im Mittelpunkt. Er ist 51 und hatte einen Schlaganfall. Das Buch handelt von den neun Tagen im Krankenhaus und ist so etwas wie eine Selbsttherapie, dass ihn so etwas hat treffen können.

Tatsächlich trägt der Beginn sicherlich zur Aufklärung über Schlaganfall-Diagnosen bei: wie es sich anfühlt, dieser eine Moment, das ist plastisch geschildert.

„Ich sah auf und innerhalb der nächsten Sekunden zerfiel der Raum um mich herum. In den Wänden der Küche begannen Partikel zu zucken, zappelnde Einzeller aus Licht teilten und vermehrten sich und wuselten herum wie Mikroorganismen unter dem Mikroskop. Die Oberflächen wurden unscharf und sanfte Wellen schwappten durchs Mauerwerk. (…) Die Zimmerdecke erschlaffte, hing durch und blähte sich mir entgegen. Ich spürte die Wölbung meiner Augen. (…) Mit einer prickelnden Entladung wich schlagartig alle Kraft aus dem linken Arm. Obwohl ich versuchte, meine Handflächen weiter auf das Holz zu pressen, drehte sich die eine auf den Rücken. (…) Nie wieder würde ich diese Hand bewegen können, war ich mir sicher.“

Meyerhoff ist 51, hat drei Kinder, eine neue Beziehung. All das ist sehr alltäglich und kann mit den Besonderheiten der ersten vier Bände nicht mithalten. Das Austauschjahr in den USA war als Einstieg wunderbar. Das Aufwachsen auf dem Psychiatriegelände sehr besonders. Die Jahre auf der Schauspielschule boten Einblick in eine unbekannte Welt, ebenso die ersten Jahre am Theater. Die Charaktere sind so speziell und dies wiederum so gut beschrieben – das sind wirklich gute Bücher.

Wie sich aber ein Krankenhaus anfühlt, ist nicht speziell. Wie es ist, einen Schlaganfall zu haben ist so individuell, dass es nicht beispielhaft sein kann. Und gerade angesichts dessen, dass Meyerhoff glimpflich davon gekommen ist, wirkt es irgendwie übertrieben, das als Buch zu verarbeiten, welches in die „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe integriert wird. Als eigenständiges Buch wäre es vielleicht für andere Schlaganfall-Patienten lesenswert – aber das hätte sicher weniger Auflage gebracht.

„Das Essen war dann kein schöner Anblick. Zwischen dem Heißhunger der meisten Patienten und deren Löffel- und Gabelschwung klaffte eine schmerzliche Lücke. Bei vielen befand sich der Mund andernorts im Gesicht als da, wo sie ihn wähnten und den in Soße getunkten Knödel hinschoben. (…) Gegen dieses Mittagsmenü war jede Ergotherapiestunde ein Witz. Das Fleisch musste mit aller Kraft gesäbelt werden, böswilliger Bratensaft spritzte wie von selbst und die Erbsen zitterten sich von den Gabeln, sodass überall leere Zinken in den Münder verschwanden. (…) Einerseits ging es mir schlecht beim Anblick all dieser Koordinationskatastrophen, andererseits wurde mir klar, wie viel Glück ich gehabt hatte. Es war an der Zeit, dankbar zu sein.“

Nachdem ich nun alle Bände gelesen habe, konnte ich endlich recherchieren, wer Joachim Meyerhoff ist. Da es autobiografische Erzählungen sind, habe ich mir dies erlaubt. Buchverfilmungen etwa schaue ich aus Prinzip nicht an, wenn ich das Buch dazu gelesen habe – der Film ist meist zu schlecht und ich bin nicht bereit, dafür die Bilder in meinem Kopf zu opfern. Dies tat ich nun. Und frage mich seitdem, wie ein ach so schlechte Schauspieler, als der er sich vier Bücher lang dargestellt hat, so viele Preise abräumen kann. Das wirft einen Schatten auf die ersten vier Bücher – ich bin tatsächlich ziemlich genervt.

Deshalb mein Rat: lest diesen fünften Band nicht, wenn ihr die ersten vier gelesen habt. Dann hört ihr mit einem starken Buch auf.

„Ich konnte aus fast allem Geschichten machen, aber aus fast nichts Normalität.“

Ausgewählte Bücher:

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Der Herr der Ringe


John R.R. Tolkien
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Der kleine Hobbit


John R.R. Tolkien
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A slow fire burning


Paula Hawkins