Dschinns

Fatma Aydemir

Seiten: 367
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2022
ISBN-Nummer: 978-3-423-14881-8

Das dritte Fünf-Sterne-Buch dieses Jahr! "Dschinns" wurde mir schon öfter empfohlen und stand auf meiner Leseliste. Dank des Lesekreises hab ich mich nun drangesetzt - und teile die Begeisterung.

Eine Familie, sechs Familienmitglieder, sechs Kapitel. Ich hatte zunächst Sorge, dass sich das Buch liest wie eine Kurzgeschichtensammlung, doch schon beim zweiten Kapitel war deutlich, dass eine zusammenhängende Geschichte erzäht wird, aus sechs Perspektiven. Und das lieb ich ja! In der Regel werden bei solchen Perspektivwechseln zwei, höchstens drei Personen in die Geschichte aufgenommen. Sechs Blickwinkel zu erleben ist das, was „Dschinns“ ausmacht. Jedes einzelne Familienmitglied auf diese Weise kennenzulernen, die Sichtweise zu erleben, die Motive zu erfahren – und mitunter auch zu verstehen: Das ist grandios. Heraus kommt das Gesamtbild einer Familie, die nirgends daheim ist – und niemals wirklich miteinander spricht.

Hüseyin hat sein ganzes Leben auf diesen Tag hingearbeitet: Den Einzug in seine Eigentumswohnung in Istanbul. Jahrzehnte, nachdem er sein Heimatland verlassen hat, weil er in der Fabrik in Deutschland viel mehr verdienen konnte, kehrt er zurück – und malt sich aus, wie das Leben hier, sein Ruhestand, sein wird. Dann stirbt er. In dieser Wohnung. Am Tag des Einzugs. Herzinfarkt.

Die Familie kommt in ebendieser Wohnung zusammen, für die Beerdigung. So ganz klappt das nicht; Sevda und Hakan schaffen es nicht rechtzeitig – ein Affront. Nur Piri und Ümit sind mit ihrer Mutter Emine rechtzeitig gelandet. Schlafen können sie in der Nscht nach der Beisetzung nicht.

„‚Die Frau heute, diese Wahrsagerin, sie hat gesagt, du hast jemanden verloren. Und du hast nicht gesagt, dass das nicht stimmt. Wer ist es?‘ Peri spürt die Aufregung in Ümits Stimme. Es kostet ihn Überwindung, die Frage zu stellen, wie denn nicht, auch Peri und er sind Teil dieser Familie, die fortwährend spricht, ohne etwas preiszugeben. Es ist unüblich, dass man einander solche Fragen stellt, unangenehme Fragen, intime Fragen, wichtige Fragen, man weicht ihnen um jeden Preis aus (…).
‚Das war doch bloß dummes Gequatsche‘, sagt sie (…). Ümit verstummt. Sie spürt seine Enttäuschung. Seine Scham. Ümit hat etwas gewagt und Peri lässt ihn eiskalt abblitzen. Das Letzte, was sie will in dieser Familie und in dieser dunklen Wohnung, die doch schon so viel verändert hat für sie alle, warum kann dann nicht auch Peri einfach alles anders machen und endlich das Schweigen brechen und ehrlich sein? Ümit verdient, dass sie ehrlich zu ihm ist (…). Und doch tut sie das, was schon Generationen von Ablas vor ihr getan haben. Sie tut so, als sei nichts. Vielleicht sind das die Dschinns, die Wahrheiten, die immer da sind, die immer im Raum stehen, ob man will oder nicht, aber die man nicht ausspricht, in der Hoffnung, dass sie einen dann in Ruhe lassen, dass sie im Verborgenen bleiben für immer.“

Peris Perspektve. Aber auch Hakan ergeht es so: „Schweigen ist der Soundtrack seiner Kindheit.“ Hakan benennt aber auch, wie er die Ausgrenzung erlebt; jedes Familienmitglied geht auf andere Weise damit um. Hakan fühlte sich als Heranwachsender von einem Rap-Text verstanden: Fuck tha Police.

„Hakan und Musti fühlten es. Obwohl sie in ihrem Leben noch nie mit Bullen zu tun gehabt hatten.(…) Fuck diese Lehrer, die ihnen Tag für Tag zu verstehen gaben, dass sie sich wünschten, Hakans und Mustis Väter wären gar nicht erst gekommen oder hätten ihre Kinder wenigstens zurückgelassen in ihren unterentwickelten Dreckslöchern. Fuck dieses Viertel, dass so abgeschirmt vom Rest der Stadt war, dass sie nachts durch einen Scheißwald marschieren mussten, bevor sie natürlich viel zu spät zuhause ankamen und mit schlammigen Schuhen die Flure der streichholzschachtelgroßen Wohnungen verdreckten, die ihre Mütter jeden Tag aufs Neue saugten und schrubbten, damit sie vor Langeweile nicht den Verstand verloren in ihrer Zu-fünft-auf-68-Quadratmeter-Welt. Fuck ihre Eltern, die sie ständig zu mehr Dankbarkeit ermahnten, weil sie nicht verstanden, was sie jeden Tag durchmachten, auf der Straße und in der Schule, die nicht wussten, wie das Leben war, in einer Scheißstadt, in der alle Ladenverkäufer den Verdacht hatten, dass sie klauten, alle Lehrer davon ausgingen, dass sie dumm waren und alle Glatzen in der Fußgängerzone dafür sorgen wollten, dass sie behindert wären oder tot.“

Sechs Individuen, die zufällig Teil der gleichen Familie sind, jede und jeder für sich allein im Leid, im Alltag, in den Sorgen. Es liest sich nicht so deprimierend wie es klingt. Vielmehr erfahren wir in einzelnen Puzzle-Teilen, wie genau sich dieses komplizierte Geflecht „Familie“ zusammensetzt – und warum. Denn es gibt Antworten, ein paar. Ein Durchbrechen des Schweigens. Ein großartiges Buch.

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