Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Joachim Meyerhoff

Seiten: 416
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN-Nummer: 978-3-46205289-3

In diesem vierten Band der fünftteiligen Reihe von Joachim Meyerhoff wird mir der Protagonist - also Meyerhoff - das erste Mal unsympathisch. Nicht, weil er zwei Liebschaften gleichzeitig am Laufen hat. Die Ausgeklügeltheit, die dies über einen längeren Zeitraum erfordert, wird wunderbar deutlich. Aber er ist ein Proll, der ständig versucht, dies zu kaschieren. Deutlich wird dies, als er beim Optiker einen Sehtest machen lässt.

„Die Optikerin fragte mich die erste Reihe ab. Ich gab ein Das-ist-doch-wohl-ein-Witz-Lachen von mir und rattert die Zeile runter. Plötzlich ergriff mich ein seltsamer Ehrgeiz, das Ergebnis zu verfälschen. Ich wollte kein sehbehinderter Maulwurf sein, sondern als Adlerauge punkten. (…) ‚Die Neun ist eine Sieben‘ , sagte sie ohne irgendwelche deutbaren Emotionen. ‚Nächste Zeile bitte.‘ ‚Ich sitze so komisch. Irgendwas stimmt da nicht.‘ Ich stand auf, streckte mich und lief mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf und ab, atmete schwer. ‚Alles in Ordnung?‘ ‚Tut mir leid. Ich hab Muskelkater. Zu viel Hanteltraining. Geht gleich wieder.‘ Ich lockerte mich, hüpfte windmühlenflügelarmkreisend in Richtung der Projektion und versuchte mir so viele Zahlen wie möglich einzuprägen.“

Ein schlaksiger Halbstarker Anfang/ Mitte Zwanzig, stets schwarz gekleidet, in hautengen Jeans und klappernden Stiefeln. Aber: zu sich selbst ist er, zumindest in der Rückschau, ehrlich. Auch wenn er zwei Frauen (eigentlich drei) betrügt, sind seine Gefühle ihnen gegenüber ehrlich – er beschreibt seine „Motive“ überzeugend (wenngleich das die Frauen sicher anders sehen würden). „Ohne meine Geheimnisse kam ich mir geheimnislos vor“ , schreibt Meyerhoff, als „Verlust an Intensität“ bezeichnet er das.

Die drei Frauen sind so unfassbar unterschiedlich und jede für sich sehr speziell. Hanna, die erste große Liebe, ist kompliziert und anstengend – auch für den Leser. Es braucht eine Weile, bis man sie halbwegs liebgewonnen hat. Franka dagegen, die rassige Schönheit, bleibt einem als Leser ebenso fremd wie Meyerhoff selbst. Insofern passt der Titel phantastisch: so sehr sich die Personen auch berühren und nahe kommen, sie bleiben allein, gewollt, eingefordert.

Lediglich zu Ilse, einer rundlichen Bäckerin, hat er eine beständigere „Beziehung“, sie bezeichnet er selbst als seinen Ruhepol.

Wunderbar ist es, dass diese Erzählungen in der noch handyfreien Zeit spielen. Mal ertappt man sich beim Lesen bei der Frage: Warum googelst Du nicht einfach? oder: Warum rufst Du sie nicht aus den Zug an? Dass er aber stets, wenn eine der Frauen bei ihm ist, den Telefonstecker zieht, dass er in den Armaturen geparkten Autos nach der Uhrzeit sucht und er mit seiner Mutter Telefontermine vereinbart, das ist wunderbar.

Wunderbar finde auch die Schilderungen des von ihm so verhassten Berufs. Wie er sich nicht damit arrangieren kann, Schauspieler zu sein. Der von vielen Menschen als Traumberuf angesehene Job wird gnadenlos seziert und blossgelegt. Die Stimmungen am Theater, die Scharmützel mit Schauspieler-Kolleginnen und Intendanten, das Ringen um und mit den jeweiligen Rollen… Schon in Band drei zerrt Meyerhoff diesem Beruf die schöne Maske vom Gesicht. Es ist so ehrlich, seinen Beruf – bei dem wir (und auch Meyerhoff) immer noch nicht wissen, ob er wirklich auf Talent basiert oder nicht doch auf einem Anruf der Großmutter – so schonungslos darzulegen.

Ich mag den Schreibstil, ich mag die Geschichten, ich mag die tiefgründigen Gedanken und die manchmal oberflächlichen Handlungen, ich mag die Verschiedenheit der Charaktere, die – wie hier Hanna – so genau beschrieben werden, das man am Ende des Buches meint, sie selbst erlebt zu haben. Und ich freue mich irre auf Band 5. Und dann kann ich mir endlich mal anschauen, wer dieser Meyerhoff eigentlich ist.

„Ich nahm mir ein Taxi und vorbei ging es an lückenlos scheußlicher Fünfziger- und Sechzigerjahre-Architektur. Gebäude so trostlos, dass sich aller Optimismus vor ihrer grauen Einfallslosigkeit entmutigt abwandte. Noch nie konnte ich mich auf solchen Fahrten der Vorstellung, wie die Menschen hinter den Vorhängen ihr Leben fristeten, entziehen. All diese Sofas und Fernseher, all diese Kühlschränke voller Essen, diese Betten und Toiletten, und neben jedem Klo wartet das heraushängende Klopapier auf seinen nächsten Besucher, die nächste Klobrille auf einen weiteren Tauchgang. All diese perforierten Leben. Kaserniert in Hunderte rechteckige Behälter, geschmacklose Gehäuse um vor sich hin arbeitende Organe. ‚Unter jedem Dach ein Ach‘, war der Lieblingsausruf meiner Großmutter, wenn es mit dem Auto durch die Stadt ging. ‚Unter jedem Dach ein Ach.'“

Ausgewählte Bücher:

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Der Herr der Ringe


John R.R. Tolkien
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Der kleine Hobbit


John R.R. Tolkien
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A slow fire burning


Paula Hawkins