Janet ist vor einem Vierteljahrhundert aus London nach Deutschland gezogen. Geflohen. Um einer toxischen Beziehung zu entkommen – sie war damals 18.
„Sie hatte einen Anlauf nach dem anderen gemacht, die Beziehung zu beenden, um jedesmal auf der Stelle rückfällig zu werden, wenn Andrew sie in die Arme nahm, lachte und endlich Besserung gelobte. Irgendwann wußte sie, daß eine Stadt, ein Land zu klein war für sie beide. Die kleine Janet Hamilton, zu schüchtern und zu behütet, als daß sie es bis dahin gewagt hätte, auch nur allein bin London zu fahren, verließ von einem Tag zum anderen ihre Heimat und ihre Familie (…). Heute, ein Vierteljahrhundert später, war der Schmerz bloße Erinnerung. Aber die Narben fingen an zu pochen und zu brennen, als sie über die vertrauten Wege ging, neben sich dem grauhaarigen Mann, der ihrem Leben Glanz und Wärme, aber auch Kälte und Verzweiflung geschenkt hatte.“
Dieser Mann ist Andrew, vor dem sie einst weglief. Nun flieht sie erneut, lässt erneut ihre Familie hinter sich – und wieder ist die Situation eine schwierige. Ihre Zwillingssöhne Mario und Maximilian sind in Schwierigkeiten. Eigentlich nur letzterer – er sitzt seit sechs Jahren in einer psychiatrischen Klinik und soll demnächst entlassen werden. Doch ihr Mann Philip will ihn nicht mehr bei sich haben, zu groß sei die Verantwortung.
Was Maximilian getan hat, das bleibt unklar. Daran entlang hangelt sich der Spannungsbogen. Zeitgleich lernt Mario Tina kennen, will mit ihr verreisen. Tinas Vater ist nicht begeistert, kann aber nichts dagegen tun. Doch auch Mario scheint gar nicht so angetan zu sein von Tinas Idee der Reise in die Provence. Oft denkt er an seinen Bruder.
„Beide empfanden sie gleich: Sie waren eins. Mario und Maximilian, Maximilian und Mario. Ihre Namen waren Zufall und hätten genausogut anders verteilt sein können. Ihre zwei Körper waren Zufall; der Körper der einen hätte ebensogut zum Namen des anderen gehören können. Daß sie mit zwei Identitäten herumliefen, erschien ihnen als eine eigenwillige Laune der Natur, die sich einen Spaß daraus gemacht hatte, eine Seele mit zwei Körpern auszustatten, und als Zeichen hilflosen Unverständnisses ihrer Eltern, die ihnen zwei Namen gegeben hatten.“
Irgendwann sind alle in Sorge: Tinas Vater um seine Tochter. Tinas beste Freundin um Tina. Philip um Janet, die sich lange nicht meldet und die er zurecht in den Armen ihres früheren Liebhabers vermutet. Maximilian sorgt sich auch – und haut wenige Wochen vor seiner Entlassung aus der Klinik ab. Noch mehr Grund zur Sorge.
Keiner der Protagonisten ist wirklich sympathisch. Sie sind stereotyp: Zu brav, zu luderhaft, zu schön, zu leidenschaftlich, zu feige, zu chaotisch. Keine Figur ist vielschichtig. Und die meiste Zeit versteht man gar nicht, worum es überhaupt geht – aber alles scheint sich auf die Reise von Mario und Tina zu fokussieren.
Das einzig Gute an diesem Buch ist: Ich hab es in zwei Tagen durchgelesen. Sehr, sehr früh wusste ich, wie es ausgehen würde und hatte bis zur letzten Seite gehofft, es würde anders kommen. Ein Fan von Charlotte Link war ich noch nie, allerdings habe ich ihr „Das Haus der Schwestern“ in halbwegs guter Erinnerung. Jetzt brauch ich aber erstmal keine Link-Lektüre mehr.


