Die Geisha

Arthur Golden

Seiten: 573
Verlag: btb Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2000
ISBN-Nummer: 3-442-72632-8

Ein Fünf-Sterne-Buch, also eines, dem ich meine persönliche Bestnote gebe, ist unterhaltsam, spannend, lässt sich nicht weglegen, ich lerne etwas beim Lesen und - und das ist das entscheidende Kriterium - es ist unvergesslich.

„Die Geisha“ ist für mich eine der größten Entdeckungen – und Überraschungen – seit langem. Hätte ich es im Urlaub nicht in einer Pension im Bücherschrank entdeckt, auf der Suche nach Lektüre, ich hätte es womöglich nicht gelesen. Der Titel hat mich nicht gereizt, ich habe eine flache, anspruchslose, triviale Geschichte vermutet.

Aber der Klappentext war verlockend, wenngleich ich (zu Unrecht) befürchtete, damit schon die komplette Geschichte zu kennen.

„Währenddessen konzentrierte ich mich darauf, mir Möglichkeiten auszudenken, wie ich Hatsumomo und Großmama ihre Grausamkeiten heimzahlen konnte. An Hatsumomo rächte ich mich, indem ich den Taubendreck, den ich von den Trittsteinen im Innenhof entfernen sollte, abkratzte und ihn unter ihre Gesichtscreme mischte.  (…) An Großmama rächte ich mich, indem ich den Toilettenlappen an der Innenseite ihres Nachtkleides abwischte, und war entzückt als ich sah, wie sie verwundert daran schnupperte, obwohl sie es nicht auszog.“

Arthur Golden erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das nach Kyoto verkauft wird, um zur Geisha ausgebildet zu werden. Um Sex geht es dabei – anders, als vielleicht manch einer vermuten mag – nicht.

„Tatsächlich bedeutet das ‚gei‘ in Geisha ‚Künste‘, so dass das Wort ‚Geisha‘ ‚Künstlerin‘ bedeutet.“

Chiyo lernt die Künste: das Instrument Shamisen, den Tanz und die Konversation. Selbstverständlich ist das nicht, nach ihrem Fluchtversuch aus dem Geisha-Haus, in dem sie leben muss. Sie leidet unter der erniedrigenden Art der Geisha Hatsumomo und der anderen Frauen im Haus, bis sie die Ausbildung beendet hat und eine der erfolgreichsten Geishas des Landes wird.

Die Geschichte dreht sich weniger um diesen Erfolg als um den Weg dorthin. Der Leser lernt mit Chiyo viel über die Kultur Japans in den 1930er Jahren und den folgenden, über Sitten und Umgangsformen.

„‚Langsamer zu gehen ist ein Zeichen der Ehrerbietung‘, sagte sie. ‚Je langsamer du wirst, desto größer die Ehrerbietung. Ganz bleibst Du nur für eine deiner Lehrerinnen stehen, sonst für niemand.'“

Arthur Golden beschreibt die Geschichte von Chiyo so, als wäre es eine wahre. Schon das – zum fiktiven Roman gehörende – Vorwort des Übersetzers suggeriert das. Dass es letztendlich „nur“ ein Roman ist macht jedoch nichts. Golden hatte tatsächlich sehr gute Quellen, sodass zwar die Charaktere des Buches erfunden sein mögen, die Ausbildung, das Leben und die Gefühlswelten einer Geisha aber sind wohl äußerst realistisch nachempfunden.

Zu den Gefühlswelten gehört auch eine unerfüllte Liebe Chiyos, quasi als eine Art roter Faden des Buchs, als Hoffnungsschimmer und Schrittmacher. Golden gelingt es, das alles intensiv und kitschfrei zu erzählen. Dass er am Ende des Buchs das Erzähltempo erhöht ist zwar zunächst befremdlich, aber konsequent: Es hat mit dem eigentlichen Leben Chiyos als Geisha nicht mehr viel zu tun.

„Die Geisha“ ist ein wunderbares Buch, das mich in eine völlig fremde Welt und eine hochinteressante Kultur geführt hat; ein Buch, das Vorurteile und Klischees beseitigt und lange in mir nachhallt.

„Seit ich in New York bin habe ich erfahren, was das Wort ‚Geisha‘ für die meisten Westler bedeutet. (…) die Frau denkt: ‚Großer Gott … ich unterhalte mich mit einer Prostituierten …‘ Gleich darauf wird sie von ihrem Begleiter gerettet, einem reichen Mann, der dreißig oder vierzig Jahre älter ist als sie. Nun, ich frage mich immer wieder, warum sie nicht merkt, dass wir eigentlich sehr viel gemeinsam haben. Denn sie wird genauso ausgehalten wie ich damals.“

Ausgewählte Bücher:

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Der Herr der Ringe


John R.R. Tolkien
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Der kleine Hobbit


John R.R. Tolkien
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A slow fire burning


Paula Hawkins