Der letzte Sessellift

John Irving

Seiten: 1080
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr: 2023
ISBN-Nummer: 978-3-257-07222-8

1080 Seiten Irving! Das mindeste, wenn man sechs Jahre auf das neue (und womöglich letzte) Buch des Lieblingsautors warten muss. 1080 Seiten - perfekt für einen zweieinhalb-wöchigen Urlaub. Genau getimed habe ich es vom ersten bis zum letzten Urlaubstag durchgelesen.

Was zuerst auffällt: es kommen Wien, New Hampshire und Ringen vor, aber keine Bären. Was dann auffällt: Es fehlt der „Küchenruf“, also der eine Satz, den man antwortet, wenn jemand fragt: „Worum geht’s denn?“

„Adam erzählt sein Leben“, könnte man antworten. Adam ist der Ich-Erzähler in „Der letzte Sessellift“. Und irgendwie auch John Irving. Wie ich bei der Recherche nach dem Lesen des Buchs erfahre, gibt es durchaus die eine oder andere autobiografische Parallele zwischen Buch und Realität. So gibt es das „Hotel Jerome“ in Aspen tatsächlich, worauf Irving/ Adam auch direkt hinweist. Die Bilder davon fügen sich gut ein in das, was ich beim Lesen vor meinem Inneren Auge gesehen habe. Andere Parallelen spoilere ich nicht, aber es lohnt sich, nach dem Lesen nachzuschauen.

Adam Brewster, Schriftsteller und Drehbuchautor, erzählt sein Leben. „Der letzte Sessellift“ ist nicht einfach zusammenzufassen, will man das Leben nicht stupide nacherzählen. Das Buch lebt vor allem von den skurillen Charakteren: Adams lesbische Mutter Ray, Skilehrerin und in Adams Kindheit oft abwesend. Ihre Freundin Molly. Der kleine Englischlehrer, der Adams Stiefvater wird, der aber als Frau im Körper eines Mannes steckt und das später ändert. Adams Cousine Nora und deren Partnerin Em, die zu sprechen aufgehört hat und sich pantomimisch ausdrückt. Der Großvater, der ebenfalls nicht mehr spricht, weil er immer dementer wird.

„Sie waren schon ein wenig außergewöhnlich, aber wer in meiner Familie war das nicht? Meine lachenden, schulterklopfenden Onkel waren schräge Norweger. Meine Drachentanten hätten sich bei den Hexenprozessen ihrer puritanischen Vorfahren in Salem wohlgefühlt, wo sie mit schrillen Stimmen die Hinrichtung der Angeklagten gefordert hätten. Lewis Brewster, emeritierter Englischlehrer, hatte sich selbst erfunden, aufgehört zu sprechen, sich vergessen und war wieder Kleinkind geworden.“

Der Literaturkritiker Denis Scheck beginnt sein Interview mit John Irving mit der Feststellung, dass man durch das Buch das Gefühl hat, eine Familie zu gewinnen. Das trifft es sehr gut. Diese ganzen schrägen Figuren, die auf die amerikanische Politik, vor allem die Republikaner, schimpfen und den Katholizismus verachten, wachsen einem ans Herz. Selbst die Gespenster wachsen einem ans Herz.

Adam wächst bei seiner Großmutter auf, die ihm „Moby Dick“ vorliest – was früh seinen Berufswunsch „Schriftsteller“ reifen lässt.

„Wenn man älter wird, stellt man fest, wie gut (oder schlecht) die eigenen Lehrer waren. Schreiben hat Bedeutung, hatte Elliot Barlow Em und mir beigebracht, und nicht nur unser Schreiben. So war Schillers Rat an Melville ein guter Rat für einen Schriftsteller gewesen: dass man ‚den Träumen seiner Jugend Achtung tragen‘ soll. Em und ich hörten beim Schreiben auf unsere ganz persönlichen Götter, aber die Schneeläuferin hatte uns eine gute Regel an die Hand gegeben: Was für Romane gilt, gilt für alle Texte. Man muss wahrheitsgemäß mit Ort und Zeit umgehen, man darf nichts Wichtiges auslassen. Verschweigen zählt auch als Lügen, stimmt’s?“

Irving schenkt dem Leser eine Familie, verschont ihn aber auch weitgehend. Keine tragischen Schicksalsschläge, keine quälenden Abschiede. Nicht nur die Charaktere, auch die Sterbeszenen sind skurril und dadurch leicht verdaulich. Das Ende ist ein akzeptables. „Ich versuche, nicht an das Verschwinden zu denken“, lautet der letzte Satz. Und wenn man weiß, dass Irving stets den letzten Satz als erstes eines Buchs schreibt, wird deutlich, wie nichtig er ist, wenngleich philosophisch. Er klingt gut und verrät nichts.

Es wäre gemein, zu sagen, das treffe auf das ganze Buch zu. Es ist lang, manches wiederholt sich – kaum vermeidbar und manchmal hilfreich bei 1080 Seiten – aber es zieht sich nicht. Ich habe mich keine Seite gelangweilt. Es ist eine wunderbare Geschichte, nein, eine Lebenserzählung. Die Charaktere hallen nach. Aber es ist nicht Irving’s bestes Buch. Muss es auch nicht sein. Es ist schon ein Gewinn, auch für Nicht-Irving-Fans, wenn 1080 Seiten durchwegs unterhalten. Am besten einen Urlaub lang.

Ausgewählte Bücher:

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Der große Trip


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