Zur See

Dörte Hansen

Seiten: 253
Verlag: Penguin Random House
Erscheinungsjahr: 2022
ISBN-Nummer: 978-3-328-11213-6

Als ich letztes Jahr "Altes Land" von Dörte Hansen gelesen hatte und schwer begeistert war, hab ich auch umgehend ihre anderen beiden Bücher gekauft. Da von "Mittagsstunde" viele schwärmen, hab ich mir das ausgehoben - bin aber auch von "Zur See" sehr angetan. 

„Am nächsten Morgen schneite es, der Wind war abgeflaut. Er sah aus seinem Bett die Flocken vor dem Fenster. Sie tanzten nicht, sie fielen einfach, still und schnell. Es war die Art von Schnee, die gar nicht liegen bleibt, sie schmilzt beim Fallen schon.“

„Der Mai kann grau und windig sein auf einer Nordseeinsel, die See so trüb wie altes Pinselwasser, das der Maler dringend wechseln müsste.“

Dörte Hansen hat einfach eine tolle Sprache! „Zur See“ ist eigentlich ein eher beschreibendes Buch, und anfangs hat mich das etwas gestört. Wir lernen die Charaktere erst kapitelweise kennen, bis sich diese dann miteinander verflechten. Dann aber ist der bzw. die Lesende ganz nah dabei.

Nur: wobei eigentlich? Es passiert gar nicht so viel in diesem Buch. Es geht um Leben auf einer Nordsee-Insel, das aber so gut beobachtet, so fein begleitet, dass man als Tourist und Nordsee-Liebende durchaus den Spiegel vorgehalten bekommt.

„Er kann nicht glauben, dass im Frühjahr schon die Fähren voll sind mit Touristen, dass sich die Autos am Gründonnerstag schon in der Hafenstraße stauen und an den Ostertagen Sonnenbrillenmenschen auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Haus spazieren, Hunde ziehend, Kinderwagen schiebend. Sie bleiben vor den Knochenzäunen stehen, machen Fotos von sich selbst, vom Haus der Sanders und von Jens, wenn er, nur für ein paar Minuten, in der Mittagssonne auf der Bank sitzt, Augen zu, Mund auf, Kopf im Nacken. Er kommt sich vor, als wäre er im Zoo, auf der verkehrten Seite des Zauns.“

Jens ist erst seit kurzem zurück, in seinem Haus, dem schönsten der Insel, bei seiner Frau Hanne. Die ersten zwanzig Jahre ihrer Ehe war er kaum da, als Kapitän wie seine Vorfahren ständig auf See. Die letzten zwanzig Jahre, als er kein Kapitän mehr sein wollte, lebte er auf der Vogelinsel, allein. Jetzt steht dort schon die Ablöse als Vogelwart vor der Tür, er ist alt geworden. Seine Kinder groß.

Ryckmer, wie er Kapitän, der an der Welt zerbricht, und am Alkohol. Hannes, der jüngste, der immer irgendwie nur mitlief, die Ehe der Eltern nicht retten konnte. Eske, die irgendwie alle zusammenhält, ganz in sich selbst ruhend. An Heimweh krankend, wenn sie die Insel zu lange verlässt.

„Sie bleibt an Deck, weil das die Regeln sind: vier Wochen Festland und dann frierend wieder auf die Insel. Also steht sie hier, die nackten Hände an der Reling, und der Wind beißt zu, als prüfte er ein Holz oder ein Stück Metall. Es müsste eigentlich ein Wort für diese Kälte geben.“

“ Zur See“ handelt von dieser Familie, von der Insel, dem Alltag der Menschen dort. Ich liebe die Nordsee und ich finde mich in diesem Buch sehr wieder – wenn auch als jene, die alles touristisch verklärt. Ich mag es, die andere Seite zu erleben.

Entweder hat Dörte Hansen lange Zeit auf so einer Insel gelebt, oder mit vielen Menschen dort gesprochen. Oder sehr gut beobachtet. Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten hab ich das Buch mit jeder gelesenen Seite noch mehr geliebt!!

Ausgewählte Bücher:

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Zur See


Dörte Hansen
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Bad Tourists


Caro Carver
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Das Eis-Schloss


Tarjei Vesaas