Anscheinend ist das eine Reihe des Hanser-Verlags, „Das Leben lesen“ heißt sie, in dem es um „Schlafen“, „Arbeiten“ „Streiten“ etc geht. Auch „Altern“ von Elke Heidenreich gehört dazu, das ich ganz okay fand. Ich war jedoch nicht so wahnsinnig angetan davon, ein weiteres dieser Serie lesen zu sollen.
Doris Dörrie kannte ich bislang nur als Regisseurin und hatte an ihr Buch wenig Erwartungen. Komisch eigentlich… So wurde ich nun insgesamt positiv überrascht. „Wohnen“ ist ein persönliches Buch, wie auch Wohnen an sich etwas persönliches ist. Und Dörrie hat an vielen unterschiedlichen Orten gelebt, hat „viel gewohnt“, viele Wohnkonzepte kennengelernt, von New York bis Tokio.
Während ihrer Zeit in den USA hat sie Wochenenden damit verbracht, auf Hausbesichtigungen zu gehen. Das ist nicht nur ein außergewöhnliches Hobby, sondern auch interessant zu lesen.
„Ich stellte mir vor, wie ich in diesen Häusern leben und schreiben würde, aber nirgends gab es einen guten Platz dafür, vielleicht, weil es zu viel Platz gab, zu viel designte Ordnung und verwirrende Leere.“
Sie blickt auch zurück auf das Wohnen ihrer Eltern, die ausgebombt wurden, im Keller lebten, bis sie das Haus Jahre später wieder aufbauten. Und sie blickt auf das Wohnen in der Kindheit.
„Auch dann, wenn wir sie nicht auf traumatische Art und Weise verloren haben, gibt es die Sehnsucht, an die Orte der Kindheit und Jugend zurückzukehren. Wir wissen, dass Enttäuschung droht, wenn wir wirklich wieder vor unserem alten Elternhaus stehen, in der Wohnung, in der wir aufgewachsen sind. Alles ist kleiner, als wir es in Erinnerung hatten, weit weniger zauberhaft, oft seltsam banal, andere Menschen wohnen dort und haben vieles verändert. Und dennoch ist es eine Zeitreise zu uns selbst, unsere Vergangenheit hält sich immer noch in den Räumen auf, die wir einst bewohnt und die uns tief geprägt haben.“
„Wohnen“ ist auch ein feministisches Buch. Dörrie verknüpft das Thema mit der Frage, welchen Raum eigentlich ihre Mutter in dem großen Haus hatte, welchen Raum eine Frau darin überhaupt „für sich hat“.
„Wieso kam es ihr auch später nie in den Sinn, ein Zimmer für sich zu fördern, als der Dachboden ausgebaut wurde, die drei Schwestern zwei Zimmer bekamen, mein Vater mein altes Zimmer und ich eine herrlich abgeschiedenene Dachkammer? Vielleicht hätte sie nicht gewusst, was sie allein in ihrem Zimmer anstellen sollte, wenn es nicht für alle `nützlich`war.“
„Die Hausfrau wurde idealisiert und gleichzeitig verachtet, sie war die Therapeutin des vom Krieg traumatisierten Mannes und Quelle des häuslichen Glücks oder machtbesessen und Hausdrache. Als intellektuell galt sie natürlich nie, obwohl sie, so der männliche Verdacht, nach dem bisschen Hausarbeit tagsüber auf dem Sofa lag und las. Die Wohnung oder das Haus waren ihr `Reich`, sie kontrollierte den Zutritt (…). Manchmal wurde die Hausfrau `ausgeführt` wie ein Haustier und bekam, wenn sie Glück hatte, nach vielen Jahren der Ordnungsdienste im Heim, eine Nerzjacke wie ein Ehrenabzeichen.“
Ein Buch, das den Horizont ein klein wenig erweitert und zum Nachdenken anregt, über das eigene Wohnen, einst und heute, über Dinge und Besitz. Wirklich lesenswert!


