Im Schnee

Tommie Goerz

Seiten: 173
Verlag: Piper
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN-Nummer: 978-3-492-07348-6

Das neue Jahr ist noch keine zwei Wochen alt und ich habe schon  das erste Fünf-Sterne-Buch zu verzeichnen! Was für ein schönes Buch!! Schon beim Lesen musste ich das ständig denken (und laut sagen): So schön! Auch "Im Schnee" habe ich durch einen Tipp des Bücherpodcasts EatReadSleep entdeckt - und absichtlich gewartet, bis es draußen richtig schon eingeschneit ist. Perfekte Atmosphäre für ein perfektes Buch.

Schorsch ist tot. Die Totenglocke verkündet es, dass wieder jemand in dem kleinen Dorf gestorben ist. Dass es Schorsch ist, hätte niemand gedacht. Er hat sich hingelegt und ist eingeschlafen. Überraschend auch für Max, seinen quasi besten Freund – auch wenn man in solchen Kategorien nie denkt, in diesem Dorf, auf dem Land. Schorsch war einfach immer da. Die beiden waren immer beinand, von klein auf.

„Wie oft hatten sie zusammen gearbeitet, der Max und der Schorsch. Waren in den Wald zum Holzmachen oder hatten den alten Fendt repariert, Meterholz gespaltet und geschnitten, ein Sägeblatt geschliffen oder Dachziegel ausgetauscht. Wie oft hatten sie auf dem Bänkchen im Hof gesessen und nichts gemacht. Vielleicht eine Flasche Bier getrunken, die Katze gestreichelt, den Spatzen zugesehen, die im Sand badeten, oder nur aufs alte Scheunenholz geschaut. Oder im Winter hier beim Max auf dem Chaiselonge, wo es schön  warm war. Und manchmal auch gelegen, nebeneinander, und ein Schläfchen gemacht, das Chaiselonge war ja breit genug. Über Jahrzehnte war das so gegangen. Es war etwas zwischen ihnen gewesen. Auch wenn sie schwiegen. Oder an der Aus saßen und ihrem leisen Gluckern lauschten, dort, wo sie über die Steine floss. Dieses so reiche Geräusch, das sonst keiner hörte außer die Kinder. Oder wenn er im Wald irgendwann die Säge abstellte, nicht für eine Pause von der Arbeit, sondern um dem Wald zuzuhorchen. Fast heilige Momente waren das, nur für sie beide. Und jetzt war der Schorsch nicht mehr.“

Natürlich gibt es für Schorsch eine Totenwacht. Das gehört sich so, auch wenn das heutzutage kaum mehr üblich ist.

„Kaum jemand wollte ja mehr einen Toten im Haus, nicht einmal in der ersten Nacht. (…) Aber so kann man doch nicht richtig Abschied nehmen. Bei der Totenwacht war das viel schöner. Da hatte man eine ganze Nacht Zeit zum Plaudern und zum Weinen, und es gab was zum Trinken, einen Schnaps oder zwei, das eine oder andere Bier. Was immer half. Auch dass man zu mehreren war und nicht allein.“

Erst wachen die Männer und erzählen sich Geschichten. Von früher. Vom Schorsch, aber nicht nur. Auch ungutes kommt da wieder hoch – wie sie zum Beispiel alle gemeinsam verhindert hatten, dass Flüchtlinge ins verlassene Schulhaus einquartiert werden. Später wussten sie nicht, ob das nicht nur ein Gerücht war, aber da war es zu spät, das Schulhaus zerstört.

Bis Mitternacht wachen die Männer, dann sind die Frauen dran. Max bleibt bis in den Morgen, döst vor sich hin; die Frauen stört das nicht. Er gehört irgendwie dazu. Die Atmosphäre mit den Frauen ist anders, friedlicher, lieblicher. Bis in der Früh um sechs wird gewacht, dann müssen die ersten schon wieder in den Stall, zum Vieh.

Tommie Goerz erzählt nur zwei Tage und Nächte aus dem kleinen Dorf, irgendwo in der Oberpfalz oder in Oberfranken. In dem es schon keine Geschäfte mehr gibt, der Metzger, Schuster, Bäcker haben zugemacht, sind gestorben. Ein Wirtshaus hat noch auf, aber an den Stammtisch dürfen nur die Alteingesessenen, nicht die Neubürger – die trotzdem noch so genannt werden, obwohl sie zum Teil schon seit 30 Jahren im Neubaugebiet wohnen. Aber das ist wie mit dem Duzen.

„Der Fred aber hat das sofort und entschieden abgelehnt. `Nein, nein, so schnell geht das bei mir nicht. Wir kennen uns ja erst seit ein paar Jahren. Nein, das Du muss Zeit haben, wenn es nicht von Anfang an so war.´ Und meinte damit: Wenn man nicht gemeinsam groß geworden ist. Also nicht aus dem Dorf war. Er hat den Grüneisen bis an sein Lebensende nicht geduzt – obwohl der ihm einmal, daran musste der Max jetzt denken, fast das Leben gerettet hatte (…) fürs Du aber hat das Ganze nicht gereicht. Der Grüneisen blieb halt ein Neubürger, und die kannte man noch nicht lange genug, egal wie lange sie schon da waren. Der Angermanns Fredl war in solchen Sachen nicht sehr beweglich.“

Ich hatte erwartet, dass das Buch deprimierend ist, traurig, einen beim Lesen runterzieht. Aber obwohl ich vollkommen in diese Geschichte, in die Atmosphäre eingetaucht bin, hat es sich immer heimelig angefühlt, warm, nachvollziehbar. Auf der Trauer wird nicht herumgekaut, es wird nicht gejammert oder geklagt. Das Leben geht ja weiter. Es fehlt halt einer, wieder einer.

Ich liebe die Sprache in diesem Buch – und die Atmosphäre. Es erinnert mich ein wenig an Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“. Das fand ich schon sehr gut – aber „Im Schnee“ ist besser! Es hat sich gelohnt, mit dem Lesen zu warten, bis draußen viel Schnee liegt – es fühlt sich an, als sei das alles direkt hier, nebenan geschehen. Tommie Goerz erzählt ohne ChiChi, da wird nichts verkünstelt. Die vermeintliche Romantik des Dorflebens, wegen der die Neubürger herziehen und die Städterer Ausflüge hierher machen, entzaubert er, ohne ihr die Schönheit zu nehmen. Max liebt seine Heimat, das einfache, das er ja nicht anders kennt. Goerz stellt das durchaus in den Kontrast der Stadt, der Stadtmenschen, die das Einfache nicht kennen. „Durch die Landschaft wandern, ständig von Pflanzen umgeben und mitten in der Natur, aber keine Ahnung von irgendwas. Konnte man ja alles kaufen“, denkt Max, als ein Stadterer beim ihm strandet, der kaum glauben kann, dass Max den dargereichten Tee selbst gesammelt und gemischt hat.

Das Ende – konsequent! – könnte man als Parabel verstehen, wie das Neue auf das Alte Einfluss nimmt, es mitunter zerstört. Aber vielleicht ist das zu viel hineininterpretiert. Was für ein Glück, dass es geschneit hat – und ich zu so einem frühen Zeitpunkt im Jahr ein Fünf-Sterne-Buch lesen konnte! Ich hoffe, es bleibt nicht das letzte heuer.

Ausgewählte Bücher:

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