Das Eis-Schloss

Tarjei Vesaas

Seiten: 189
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 1963
ISBN-Nummer: 978-3-423-14818-4

Und wieder ein Lesekreis-Buch, das ich vorher noch nicht auf dem Schirm hatte. Auch der Autor war mir unbekannt. Und dann - am gleichen Tag, als wir den Zettel im Lesekreis zogen - sprechen sie im Eat.Read.Sleep-Podcast über das Buch als All time-Favorite! Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Siss und Unn sind elf Jahre alt. Unn ist Waise und zieht deshalb zu ihrer Tante. Dadurch lernen sich die beiden kennen. Doch bis sie Freundinnen werden dauert es. Siss ist beliebt, Teil der Klassengemeinschaft, gar die Anführerin. Unn steht am Rande, will nicht dazugehören, obwohl die Kinder sich um sie bemühen. Siss fühlt sich von dem schüchternen, geheimnisvollen Mädchen angezogen. Ein Zettel auf der Schulbank bricht das erste Eis, Siss geht Unn nach der Schule besuchen.

„Sie nahmen sich zusammen. Sahen sich prüfend an. Maßen einander mit Blicken. Das hier war nicht so ganz einfach – aus irgendeinem verborgenen Grund. Dass sie so gern beieinander sein wollten, macht sie verlegen. Ihre Blicke begegneten sich voll Einverständnis, mit einer Art Sehnsucht, und doch waren sie zutiefst befangen. (…) Obwohl sie sich zueinander hingezogen fühlten, kam das Gespräch nur schwer in Gang. Ihre Finger spielten mit Dingen in Reichweite, sie ließen ihre Blicke wandern. Es herrschte eine behagliche, gute Wärme. Das hatte natürlich mit dem bullernden Ofen zu tun, aber nicht nur mit dem. Wären sie nicht auf einer Wellenlänge gewesen, hätte auch ein bullernder Ofen nicht viel geholfen.“

Unn will Siss etwas erzählen. Etwas, dass niemand sonst weiß. Ein Geheimnis. Doch so ganz schafft sie es nicht – und Siss bekommt Angst vor dem, was sie hören könnte. Sie flieht geradezu – und wird, wie auch der Leser und die Leserin, nie erfahren, um welches Geheimnis es sich handelt. Denn Unn verschwindet.

Als Lesende/r weiß man, was mit Unn geschieht. Es ist grausig und schön, so kindlich, neugierig, fasziniert und faszinierend. Das Eis-Schloss spielt eine Rolle, überhaupt die Winterlandschaft in diesem Buch. Mitten in Norwegen, an einem See, an einem gefrorenen Wasserfall, dem Eis-Schloss.

„Sie hätte nichts Besseres tun können als hierherzukommen, dachte sie. Wenn man hier stand, erwies sich das gewaltige Eis-Schloss als siebenmal größer und wilder. Von hier aus wirkten die Eiswände himmelhoch, sie wuchsen noch, während Unn über sie nachdachte. Sie war in einen Rauschzustand geraten. Da waren Querstreben und Überbauungen, sie wusste gar keine Begriffe für alles. Das Wasser hatte das Eis zu allen Seiten hin anschwellen lassen, und der Wasserfall selbst stürzte in der Mitte hinab und hielt seinen Raum frei. Manche Teile hatte das Wasser verlassen, also waren sie fertig gebaut, blank und trocken. An anderen Stellen war alles voller Wasserdunst und Tropfen, und Sickerwasser wurde im Nu zu blaugrünem Eis. Es war ein Zauberschloss.“

Tarjey Vesaas schrieb dieses Buch 1963 – wie kann es sein, dass ich weder von ihm, noch von diesem Werk je etwas gehört habe? Er wurde auch schon für den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Wunderschön beschreibt er Landschaften, Zustände, Situationen. Es ist ein grausames Buch und ein wunderschönes. Und ein so ganz anderes Vier-Sterne-Buch als das zuletzt gelesene „The Wedding People“. Das war kurzweilig, rasant, unterhaltsam, in der Handlung belanglos (im besten Sinne). Dieses Buch hier ist ganz langsam (aber nicht zäh), atmosphärisch, gefühlvoll.

Doris Lessing schrieb nach dem Lesen des Romans einen Text, der als Nachwort abgedruckt ist. Sie schreibt:

„…die Zeit spielt auch eine Rolle, hat eine Dimension von `weit weg´ und `lang her´ hinzugefügt. Tarjei Vesaas verbrachte sein ganzes Leben auf dem Land, und die Geschichte spielt in einer jener Gemeinden, die es in unserer brutalen, hässlichen Zeit nicht mehr geben könnte. Manchmal hört oder liest man von solchen Gemeinden der Vergangenheit, bevor sie von Flugzeugen und Zügen und Autos und Touristen und Radio und Fernsehen zersetzt wurden, und dann kommen sie einem vor wie ein Organismus, in dem jeder Mensch eine Rolle spielt, eine Funktion übernimmt. Diese Menschen bilden in ihrer ländlichen Gegend ein Ganzes, jeder weiß zu jeder Zeit von den anderen, was sie tun, was sie fühlen. Das Gefühl der Verantwortung füreinander ist so stark, dass es zu einer weiteren Figur der Geschichte wird.“

Das beschreibt es ziemlich gut – und dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Ein außergewöhnliches Buch!

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