Wenn Russland gewinnt – ein Szenario

Carlo Masala

Seiten: 119
Verlag: C. H. Beck
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN-Nummer: 978-3-406-82448-7

Das letzte Buch des Jahres 2025, dann habe ich in diesem Jahr 37 Bücher gelesen. Leider war darunter nur ein 5*-Buch, aber viele, denen ich vier Sterne gegeben habe. Dazu gehört nun auch "Wenn Russland gewinnt", das ich als Empfehlung geschenkt bekommen habe (Danke nochmal!! ❤️) Ein Buch, das Angst machen kann.

Carlo Masala ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München. Man kennt ihn als Talkshow-Gast und Experte in Nachrichtensendungen. Masala weiß, wovon er spricht, denn Szenarien zu entwerfen ist Teil seines Jobs. „Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht und welche Folgen welche Entscheidungen haben, muss man wissen, was passieren könnte. Das ist die Stärke des Denkens in Szenarien.“ macht Masala gleich auf der ersten Seite deutlich. Es sei ein Vorgehen sowohl in der Wissenschaft, als auch  bei der politischen und militärischen Planung.

In diesem Szenario schildert Masala nicht plump, was wäre, wenn Russland gewinnt, wie es der Titel suggeriert. Er skizziert Momente der nahen Zukunft, und lässt die Auswirkungen in den Köpfen der Leserschaft entstehen.

Zunächst muss die Ukraine einen Kapitulationsfrieden unterzeichnen.

„Keine klassische Kapitulation, aber die Aufgabe von mehr als zwanzig Prozent ihrer Gebiete – Land, für das sie drei Jahre lang unter erheblichen Verlusten gekämpft haben. Doch jetzt fehlen ihnen das Personal, das Material sowie die Unterstützung des Westens, um den Kampf weiterzuführen. (…) die Stimmung hat sich gedreht. Es gehe schon viel zu lange nicht mehr voran, hat der US-Präsident gesagt. Wo seien die Erfolge? Wie viel Quadratkilometer habe die Ukraine zuletzt zurückerobert? Er könne dem amerikanischen Volk nicht mehr erklären, warum so viel Geld für die militärische Unterstützung der Ukraine ausgegeben werde. Wenn er für dasselbe Kapital Grönland kaufe, sei das Verhältnis Land zu Dollar sehr viel besser. `I don’t do bad deals …´“

Das kommt einem erschreckend bekannt vor. Von diesem Ereignis aus springt Masala drei Jahre in die Zukunft. Russland hat die estnische Stadt Narwa angegriffen und unter seine Kontrolle gebracht – die Bevölkerung dort ist überwiegend russischsprachig. Und: Moskau erobert eine weitere Stadt, die der russischen Marine die Möglichkeit böte, eine Seeblockade des Baltikums einzurichten. Auch die unbewohnte Hans-Insel im Atlantik wird besetzt.

Der Westen ist überrumpelt. Die Frage ist nun: Wie kann, wie soll die Internationale Gemeinschaft darauf reagieren? Laut NATO-Statut käme Artikel 5 – die Beistandsklausel – zum Tragen. Estland stellt einen entsprechenden Antrag.

Masala schildert einmal das Vorgehen in Brüssel, baut fiktive Diskussionen der Staats- und Regierungschef bzw. ihrer Abgesandten ein, schildert aber ebenso das Vorgehen auf russischer Seite. Auch dort wird beraten, werden Mutmaßungen gestellt (Wie wird der Westen reagieren?) und wird – natürlich – gedroht. Mit dem Einsatz von Nuklearwaffen und damit der Gefahr eines Dritten Weltkrieges. Würde der Westen diese Gefahr eingehen, „nur“ um eine kleine estnische Stadt oder eine unbewohnte Insel im Atlantik zu verteidigen?

Masala legt sehr anschaulich dar, wie etwa allein die Drohungen Russlands die westliche Politik beeinflussen. Wie Moskau gezielt das Bild, das der Westen hat, instrumentalisieren könnte, vielleicht auch schon tut.

„`Kontrolle und Eskalation zugleich sollten die Prinzipien unseres weiteren Vorgehens sein.´ Der Leiter des Militärgeheimdienstes bricht als Erster das konzentrierte Schweigen. (…) `Es geht hier um Psychologie. Wenn wir nur kommunizieren, dass unsere Ziele begrenzt sind, wittert der Westen Schwäche. Was, wenn er zum Gegenschlag ansetzt? Die NATO hat Truppen in Estland. Was, wenn sie unsere Soldaten wieder hinauswerfen? Der Westen wird nachgeben, wenn er glaubt, dass ein Gegenschlag nur um den Preis des Dritten Weltkrieges zu haben ist, dass es aber gleichzeitig eine Möglichkeit gibt, ihn zu vermeiden, weil unsere Ziele begrenzt sind. Denn um den Weltkrieg zu riskieren, dafür ist der Einsatz zu gering. (…) Sie müssen sich eines vor Augen führen: Der Westen hält sich selbst für vernünftig und uns für irrational, emotional rückständig. Imperiale Fossile, denen alles zuzutrauen ist. Das ist unser Vorteil. Sie werden uns die Schizophrenie abnehmen, weil sie in ihr Bild von uns passt. (…) Wir sollten uns zunächst unserer inoffiziellen Kanäle bedienen und vertraulich den westlichen Regierungsspitzen übermitteln: dass wir den Konflikt zwar nicht wollen, ihn aber auch nicht scheuen. Sie werden sehen: Es wird eine ganze Reihe hochrangiger Politiker geben, die dann unser Geschäft besorgen und die westliche Öffentlichkeit in unserem Sinn beeinflussen. Das hat schon bei der Spezialoperation gut funktioniert. Und wenn wir nicht alles öffentlich machen, hat es auch den Vorteil, dass wir den amerikanischen Präsidenten zunächst einmal nicht bloßstellen und ihm die Option geben, eine mögliche Entscheidung zu unseren Gunsten als die seine zu verkaufen.“

Solche erdachten Szenen im Kreml oder im NATO-Hauptquartier machen das Lesen dieses sonst ja theoretischen Geschehens greifbar und verständlich. Das tun auch szenarische Schilderungen, die veranschaulichen sollen, wie Russland, China und der ein oder andere afrikanische Staat zusammenspielen könnten, um den Westen unter Druck zu setzen. Zum Beispiel, indem gezielt Flüchtlinge über das Mittelmeer geschickt werden. Menschen, die gar nicht vorhatten zu fliehen. All das flankiert von Desinformationskampagnen.

„Wenn Russland gewinnt“ macht deutlich, warum die Politik seit einiger Zeit häufig darüber diskutiert, sich „militärisch von den USA unabhängig zu machen“, „den eigenen Verteidigungshaushalt aufzustocken“, gar „kriegstüchtig zu werden“. Was Masala schildert ist plausibel, zumal er auf den letzten Seiten transparent macht, welche realen Geschehnisse dem Szenario zugrunde liegen. Es ist erschreckend. Nichts, womit man sich befassen möchte. Und doch kann man nach der Lektüre manche politische Diskussion besser nachvollziehen. Unbedingt lesenswert!

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