Erst beim Lesen des Wikipedia-Artikels über „Tante Julia und der Kunstschreiber“ lerne ich: Das Buch ist ausgesprochen biografisch! Wer hätte das gedacht…
Der 18-Jährige Varguitas verliebt sich in seine Tante, 32 Jahre alt, geschieden.
„Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, an dem er mir von dem radiophonischen Phänomen erzählte, denn es war genau der Tag, an dem ich beim Mittagessen Tante Julia zum ersten Mal sah. Sie war die Schwester der Frau meines Onkels Lucho und war am Abend vorher aus Bolivien gekommen. Gerade geschieden, wollte sie sich hier von ihrem ehelichen Mißerfolg erholen. `Eigentlich will sie sich einen neuen Mann suchen´, hatte Tante Hortensia, die spitzzüngigste meiner Verwandten, bei einem Familientreffen behauptet. (…) Tante Julia, im Morgenrock, ohne Schuhe, dafür mit Lockenwicklern im Haar, packte ihren Koffer aus. Es störte sie nicht, daß ich sie in diesem Aufzug sah, in dem niemand sie für eine Schönheitskönigin gehalten hätte. (…) Ich haßte sie tödlich.“
Denn zunächst behandelt Tante Julia ihn, als wäre er ein Kind.
„Während des Mittagessens fragte sie mich in jener zärtlichen Art, der sich Erwachsene bedienen, wenn sie sich an Schwachsinnige oder an Kinder wenden, ob ich eine Freundin hätte, ob ich viel auf Partys ginge, welchen Sport ich triebe, und riet mir mit einer Gemeinheit, von der ich nicht wußte, ob sie beabsichtigt war oder nicht, die mich jedoch mitten ins Herz traf, ich solle mir, `sobald ich es könnte´, einen Schnurrbart wachsen lassen.“
Und doch kommen sich die beiden näher, in Gesprächen, beim Tanz. Er begleitet sie ins Kino, sie verabreden sich im Café, alles …
„… nicht sehr sündig: lange, sehr romantische Gespräche, Händchenhalten, uns in die Augen sehen und, wenn die Topographie des Lokals es erlaubte, unsere Knie aneinanderreiben. Wir küßten uns nur, wenn niemand uns sehen konnte, und das war sehr selten. (…) Ich glaube aber, was wie ein Spiel begonnen hatte wurde bei den keuschen Zusammenkünften in den rauchigen Cafés im Zentrum von Lima langsam ernst. Dort verliebten wir uns, ohne daß wir es merkten.“
Das ist der eine Strang der Handlung. der andere handelt von Pedro Camacho. Auch diese Person hat es wohl im echten Leben von Vargas Llosa gegeben – als der mal den Namen verriet, erwirkte die Person ein zeitweises Verbot des Buches in Argentinien. Camacho ist Hörspielautor und schreibt für den lokalen Radiosender, für den auch Varguitas neben seinem Jurastudium als Nachrichtenchef tätig ist. Die beiden trinken regelmäßig gemeinsam Tee bzw. Kaffee, weshalb man ihre Bekanntschaft beinahe zur Freundschaft erheben könnte.
Camacho schreibt wie ein Verrückter nahezu Tag und Nacht die ausgesprochen beliebten Hörspielfolgen, hat kein Privatleben, lebt in einer kargen Kammer, isst nur, um zu überleben. `Glauben sie, es wäre möglich, das zu tun, was ich tue, wenn die Frauen meine Energie verschlingen würden?´ fragt er einmal Varguitas, `Glauben Sie, man könne gleichzeitig Kinder und Geschichten zeugen? Oder man könne erfinden, ersinnen, wenn man unter der ständigen Bedrohung der Syphilis lebt? Die Frau und die Kunst schließen einander aus, mein Freund. In jeder Vagina liegt ein Künstler begraben.´ Camacho arbeitet einfach wie ein Besessener.
„Ich setzte mich in das Fenster und steckte die Nase in irgendein Gesetzbuch. In Wirklichkeit beobachtete ich ihn. Er schrieb sehr schnell mit zwei Fingern. Ich sah ihm zu und glaubte es doch nicht. Nicht ein einziges Mal hielt er inne, um ein Wort zu suchen oder einen Gedanken hin und her zu wenden, nicht ein einziges Mal erschien in diesen fanatischen, hervorstehenden Augen der Schatten eines Zweifels. Er sah aus, als schriebe er einen Text ins Reine, den er auswendig wußte, als tippe er, was man ihm diktierte. (…) Aus diesem hartnäckigen Schädel, diesen unermüdlichen Händen kamen die Manuskripte eins nach dem anderen, genau abgemessen, wie Wurstscheiben aus einer Maschine. Wenn er ein Kapitel abgeschlossen hatte, korrigierte er es nicht, las es auch nicht noch einmal durch. Er gab es der Sekretärin zum Kopieren und begann unverzüglich, ohne sich Gedanken über die Fortsetzung zu machen, mit der Herstellung des nächsten Stücks.“
Und so kommt es, dass Camacho sich im Laufe seiner unzähligen Erzählungen überarbeitet. Er verliert den Überblick, verwechselt Charaktere, lässt in einer Geschichte Menschen sterben, die schon zuvor in einer anderen Geschichte ums Leben kamen und sorgt bei seiner immensen Zuhörerschaft für Empörung.
Die Geschichten von Camacho lernt man in diesem Buch kennen, in jedem zweiten Kapitel eine Folge einer anderen Hörspielreihe. Dabei endet Camacho seine Folgen nicht mit einer Auflösung, sondern mit zahlreichen Fragen („Wird Lucho Abril Marroquín sich von seinen Gespenstern befreien können? Wie wird das Psycho-Drama von San Miguel ausgehen?“), um die Zuhörerinnen auch am Nachmittag oder am nächsten Tag zum Einschalten zu bewegen.
Und so lesen sich diese Kapitel wie Kurzgeschichten mit Cliffhanger – und da beginnt für mich mein ganz persönliches Problem mit diesem Buch: Ich mag keine Kurzgeschichten. Ein Buch zu lesen, in dem jedes zweite Kapitel eine – durchaus unterhaltsame – Kurzgeschichte ist, die aber nicht aufgelöst wird, ist wirklich nicht meins. Hinzu kommt, dass sich der Spannungsbogen des Buchs in Grenzen hält – letztendlich geht es nur um die Frage, ob Varguitas und Tante Julia am Ende erwischt werden und ob sie tatsächlich heiraten (können).
Ich mag die Figur des Pedro Camacho, die definitiv in Erinnerung bleibt. Ansonsten plätschert das Buch vor sich hin (um nicht zu sagen: es hat Längen). Es tut nicht weh, erzählt eine nette Hauptgeschichten und viele kleine Einzelgeschichten, alles in eher lieblicher, blumiger Sprache – kann man alles lesen. Mein Leseherz hat Vargas Llosa mit diesem Buch allerdings nicht erobert.


