Middle England

Jonathan Coe

Seiten: 421
Verlag: Penguin Random House
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN-Nummer: 978-0-241-98368-3

Mitten in England begleiten wir verschiedene Charaktere in den Brexit. Man weiß, wie es ausgeht, der Spannungsbogen hält sich also in Grenzen. "Middle England" ist vielmehr ein Sittenportrait einer sich spaltenden Gesellschaft - und lässt auch mich ambivalent zurück. 

Benjamin lebt seit einiger Zeit alleine in einer für ihn viel zu großen alten Mühle im Herzen von England. Über die große, gescheiterte Liebe seines Lebens hat er ein Buch geschrieben, darüber hinweg gekommen ist er kaum. Dass sich die Welt, sein Land, die Menschen verändern, bemerkt er nicht. Obwohl sein Vater, der zunehmend gebrechlich ist und den er betreut, einer von ihnen ist.

Seine Schwester Lois war in den 1970ern Opfer der Bombenanschläge in Birmingham, verlor ihre Liebe und auch sie kam nie darüber hinweg. Sie gesteht sich das aber, anders als Benjamin, lange nicht ein.

Ihre Tochter Sophie hat genaue Vorstellungen, wie ihr Beruf als Kunst-Professorin sein würde. Sie heiratet Ian, den sie bei der Nachprüfung für ein Geschwindigkeitsvergehen kennenlernt, kann aber viele Jahre eine Bekanntschaft nicht vergessen. Politisch sind sie und Ian – wie sich erst im Laufe der Zeit herausstellt – nicht einer Meinung. Kann Politik eine Ehe gefährden?

Über acht Jahre, von 2010 an, begleiten die Lesenden diese und einige weitere Charaktere. Und erfahren, wie schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Frust herrscht in Teilen der Gesellschaft – der Samen für das, was kommen wird.

„`I feel a bit of a fraud these days, to be honest.´ When Benjamin looked surprised, Doug sat upright and launched into an explanation. `I honestly think we`re at a crossroads, you see. Labour`s finished. I really think so. People are so angry right now, and nobody knows what to do about it. I`ve heard it on Gordon`s  campaign trail the last few days. People see these guys in the City who practically crashed the economy two years ago and never felt any consequences – none of them went to jail, and now they`re taking their bonuses again while the rest of us are supposed to be tightening our belts. Wages are frozen. People have got no job security, no pension plans, they can`t afford to take a family holiday or do repairs to the car. A few years ago they felt wealthy. Now they feel poor.´“

Keine und keiner der Protagonisten steht vor speziellen Herausforderungen – außer jenen, die das Referendum und die damit verbundenen Kampagnen mit sich bringen: Diskussionen beim Abendessen, imperialistische Vergleiche auf dem Golfplatz, rassistische Anfeindungen auf der Straße, Verfahren wegen angeblicher Diskriminierung. Oder schlicht der Situation, keine adäquate Antwort zu finden auf das, was gesagt wird.

„`Where will it end, Sophie? Where will all this dreadful business end?´ Of course, Sophie knew what she meant by `this dreadful business´. But it was the middle of a quiet Saturday afternoon in August. (…) She was about to formulate some bland response – `Oh, you know, life goes on´(…) – when Helena added: `He was quite right, you know. `Rivers of blood´. He was the only one brave enough to say it.´

Sophie froze when she heard there words, and the platitudes died on her lips. The silence that opened up between her and Helena was fathomless now. Here it was, after all. The subject, that wouldn`t, couldn`t, be discussed. The subject that divided people more than any other, mortified people more than any other, because to bring it up was to strip off your own clothes and to tear off the other person`s clothes and to be forced to stare at each other naked, unprotected, with no way of averting your eyes. Any reply she made to helena at this moment – any reply that tried to give an honest sense of her own, different views – would immediately mean confronting the unspeakable truth: that Sophie (and everyone like her) and Helena (and everyone like her) might be living cheek-by-jowl in the same country, but the also lived in different universes, and these universes were separated by a wall, infinitely high, impermeable, an wall built out of fear and suspicion (…). The only practical thing was to ignore it (but for how long was that practical, in fact?) and to double down, for now, on the desperate, unconsoling fiction that all of this was just a minor difference of opinion, like not quite seeing eye-to-eye over a neighbour´s choice of colour scheme or the merits of a particular TV show.“

All das steht für sich. Nicht alle der Charaktere sind auf der „Remain“ oder der „Leave“ – Seite. Aber es wird deutlich, dass sich alle, die auf der „Bleiben“-Seite stehen, das Referendum und seine möglichen Folgen ebenso wenig ernst nehmen  – oder nicht sehen wollen -, wie die Argumente und Beweggründe derer, die die EU verlassen wollen. Dabei sind die mitnichten subtil, wie ein Gespräch zwischen Helena (Sophies Schwiegermutter) und einem chinesischen Besucher zeigt:

„`England today is not a free country. We live under a tyranny.´`A tyranny?´Feelingly, Mr. Hu said: `Please, madam, choose your words with care.´`I use the term very carefully. I assure you.´`Your Mr. Cameron does not strike me as a tyrant.´`Thats`s not what I mean. A tyrant does not have to be an individual. It can be an idea.´`You live under the tyranny of an idea?´ `Precisely.´`And it`s name is…?´`Political correctness, of course.´“

Jonathan Coe, den ich bis zu diesem Buch nicht kannte, beschreibt all das. Und da liegt für mich das Problem: Er beschreibt. Ich erlebe es nicht, ich fühle es nicht. Als Sophie Ian trifft, wird nicht deutlich, dass da eine Anziehung im Raum ist. Die Beziehung bahnt sich geradezu sachlich an. Die Beinahe-Romanze jedoch, die sie einige Tage auf einer Dienstreise erlebt und die sie nicht vergessen kann, die wird emotional transportiert.

Womöglich ist das ein Stilmittel, so gewollt. Mir hat es das Lesen dieses Buchs jedoch erschwert. Der Schriftsteller Ken Follett sagte jüngst in einem Interview, alle anderthalb Seiten müsse etwas geschehen. Das scheint mir übertrieben, aber es wäre nicht schlecht, wenn alle zehn Seiten etwas geschieht. Oder: überhaupt etwas.

Entsprechend war es an manchen Tagen eine Überwindung, weiterzulesen, schlicht, weil es keinen Spannungsbogen gibt. Ich wollte dem Buch deshalb lange Zeit nur zwei Sterne geben.

Ich muss aber anerkennen, dass dem Autor dies vorzüglich gelingt: die Stimmung in Großbritannien darzulegen vor dem Referendum, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Er zeichnet das Bild eines sich spaltenden Landes, macht nachvollziehbar, wie es zum Brexit kommen konnte, liefert Argumente und angebliche Fakten, wie sie in den Kampagnen verbreitet wurden. Zeigt auf, wie die Fronten zwischen Sachlichkeit und Emotionalität verlaufen. Das beeindruckt mich sehr, dafür bekommt das Buch vier Sterne. Im Schnitt also drei.

Ich bin aber entsprechend unschlüssig, ob ich das Lesen empfehlen würde. Wer verstehen will, wie manche (radikale) Meinungen in einer Gesellschaft entstehen (können), der wird hier sicherlich fündig.

Ausgewählte Bücher:

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Die Sünde der Engel


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Alte Liebe


Elke Heidenreich/ Bernd Schroeder